Sechzehnter Gesang

[347] Wohl bist gering du, unsres Blutes Adel;

Doch wenn die Menschen hier sich deiner rühmen,

Wo Schwachheit unsre Neigungen bestimmt,

So soll's in Zukunft nimmer mich verwundern,

Da dort, wo nichts den Wunsch vom Rechten ablenkt,

Im Himmel sag' ich, deiner ich mich rühmte.

Du bist ein Mantel, der gar bald zu kurz wird;

Die Zeit bestutzt ihn rings mit ihrer Schere,

Tut man von Tag zu Tage nicht hinzu!

Dann fingen meine Worte mit dem »ihr«,

Das Rom einst zuließ, und in dem die Seinen

Am mindesten beharren, wieder an.

Da war in ihrem Lächeln Beatrice,

Die etwas ferner stand, der zu vergleichen,

Die bei Ginevra's erstem Fehl gehustet.

Und also hub ich an: Ihr seid mein Vater;

Zum Reden gebt ihr mir den vollen Mut,

Mich so erhebend, daß ich mehr als ich bin.

Mit Freudigkeit erfüllt aus so viel Bächen[347]

Mein Herz ihr, daß es in sich jauchzet, weil es

So viele Lust erträgt und doch nicht berstet.

So sagt mir denn, ihr mein geliebter Urahn,

Von wem ihr abgestammt und welche Zahlen

Der Jahre man in eurer Kindheit schrieb.

Sagt mir auch von dem Schafsstall Sankt Johannis,

Wie groß er war, und nennt mir die Geschlechter,

Die wert der höchsten Sitze damals schienen. –

Wie bei der Winde Hauch entbrannte Kohlen

Lebend'ger sich entzünden, so erglänzte

Dies Licht bei meinen Schmeichelworten heller.

Und wie es meinem Auge sich verschönte,

So sprach's mit süßerer und sanftrer Stimme,

Doch nicht in dieser Sprache neurer Zeit,

Zu mir: Vom Tag' an dem gesagt ward: Ave

Zu dem, wo meine Mutter, die jetzt heilig,

Von mir, der Frucht, befreit ward, die sie trug,

Kam dieser Stern fünfhundertachtzigmal

Zu seinem Löwen, unter dessen Sohlen

Neu anzufachen seine Glut, zurück.

Es wohnten meine Alten, und zur Welt

Kam ich, wo wer eu'r Jahresrennen läuft

Zuerst betritt den letzten Stadtbezirk.

Von meinen Vordern möge dies genügen;

Wer sie gewesen und woher gekommen,

Verschweig' ich schicklicher als ich es sage.

Was zwischen Mars zu der Zeit und dem Täufer

Der Waffen fähig war, betrug ein Fünftel

Von denen, welche heutzutage dort leben.

Allein das Bürgerblut, das jetzt gemengt ist

Mit Campi, mit Fighine und Certaldo,

War damals rein im kleinsten Handwerksmann.

O wie viel besser wär's, wenn ihr zu Nachbarn

Die hättet, die ich nannt', und eure Grenze

Noch bei Trespiano wär' und beim Galluzzo,

Als innen sie zu haben, und den Stank[348]

Des Aguglion zu tragen und des Signa,

Der schon nach wem, der ihn besteche, ausschaut.

Und hätten die nicht, die am schlimmsten sünd'gen,

Stiefmütterlich gehandelt an dem Kaiser,

Statt, wie den Sohn die Mutter, ihn zu hegen,

So hätte mancher, der als Florentiner

Nun kauft und verkauft, sich nach Simifonte

Gewandt, wo betteln ging sein Ältervater.

Dann hätten Montemurlo noch die Grafen,

Pivier d'Acon bewohnten noch die Cerchi,

Das Grevetal vielleicht die Buondelmonti.

Vermengung der Personen war von jeher

Die Ursach des Verderbens für die Städte,

Wie für den Leib was man zur Speis' ihm beut.

Es fällt geschwinder als ein blindes Lamm

Der blinde Stier, und mehr und besser schneidet

Ein Schwert gar manches Mal, als ihrer fünfe.

Beachtest Luni du und Urbisaglia,

Wie sie verkommen sind, und wie nach ihnen

Auch Sinigaglia schwindet so wie Chiusi,

So wird, wenn du vernimmst wie die Geschlechter

Vergehn, dich das nicht wundern, noch dir neu

Erscheinen, da auch Städt' ein Ende nehmen.

Dem Tod' ist all das eurige verfallen,

So wie ihr selbst; doch birgt sich das an Dingen

Die lange währen, ob des Lebens Kürze.

Und wie der Mondeshimmel durch sein Kreisen

Den Meeresstrand bald überschwemmt, bald aufdeckt,

So tut Fortuna mit dem Volk von Florenz.

Drum darf, was von den hohen Florentinern

Ich sagen werde, deren Ruf die Zeit

Verborgen hat, dir wunderbar nicht scheinen.

Schon sinkend, doch als hochgestellte Bürger,

Sah ich die Ughi, Greci, Catellini,

Filippi, Alberichi und Ormanni.

So alt als blühend sah ich, neben denen[349]

Vom Haus della Sannella, die dell' Arca,

Die Soldanier, Ardinghi und Bostichi.

Die Ravignani, deren Stamm Graf Guido

Entsprossen ist, und jeder der am Namen

Des hohen Bellincione Teil hat, wohnten

Am Tore, das von neuer Büberei

So überladen jetzt ist, daß in kurzem

Man über Bord solch schlimme Ladung wirft.

Der della Pressa kannte schon die Kunst

Des Regiments, schon führte Galigajo

Vergoldet Heft und Degenknopf im Hause.

Schon waren mächtig die gescheckte Säule,

Sacchetti, Giuochi, Fifanti, Barucci,

Galli, und die des Scheffels halb erröten.

Der Stamm, aus dem erwuchsen die Calfucci,

War groß bereits, und zu des Staates Ämtern

Berief man Arrigucci schon und Sizj.

Wie sah so groß ich jene, deren Stolz

Sie dann gestürzt! Die goldnen Kugeln blühten,

Wo immer Florenz Großes unternahm.

Nicht minder taten es die Väter derer,

Die, wenn erledigt ist eu'r Bischofstuhl,

Sich mästen, weis sie sitzen im Kapitel.

Die übermüt'ge Brut, die den der fliehet

Mit Drachenwut verfolgt, doch gegen den,

Der Zähne oder Geld ihr weist, zum Lamm wird,

Kam schon empor, doch von geringem Volke,

Weshalb es Ubertin Donato kränkte,

Daß sie zu Vettern ihm sein Schwieher machte.

Schon waren gute Bürger Infangato

Und Giuda; Caponsacco war schon nieder

Von Fiesole auf unsren Markt gestiegen.

Unglaublich scheint es wohl, doch ist es wahr:

Das Tor, durch das man in den kleinen Kreis

Eintrat, es hieß nach denen della Pera.

Wer immer an dem schönen Schild des großen[350]

Barones teilnahm, dessen Ruhm und Namen

Das Fest des heil'gen Thomas jährlich auffrischt,

Entnahm von ihm den Adel wie die Rechte,

Obwohl sich jetzt dem niedern Volke anschließt,

Der es umwindet mit dem goldnen Streifen.

Mehr Friede wäre jetzt im Borgo, hätten

Die Gualterotti und die Importuni,

Die schon bestanden, Nachbarn nicht erhalten.

Schon war mit den Genossen hochgeachtet

Das Haus, von welchem durch gerechten Zorn,

Der euch getötet und das frohe Leben

Bei euch beendet hat, eu'r Weinen ausging.

Zu welchem Unheil horchtest, Buondelmonte,

Du schlechtem Rat und miedest jener Hochzeit!

Froh wären manche, die nun traurig sind,

Wenn, als das erstemal zur Stadt du kamest,

Dich Gott der Ema überlassen hätte.

Doch wohl geziemte sich's daß solch ein Opfer

Dem Trümmerstein, der bei der Brücke wacht,

In seinem letzten Frieden Florenz brachte.

Mit diesen und mit anderen Geschlechtern

Sah Florenz ich in solcher Ruhe leben,

Daß ihm zum Klagen jeder Anlaß fehlte.

Mit solchen Bürgern sah so reich an Ruhme

Und so gerecht sein Volk ich, daß die Lilie

Niemals verkehrt gesteckt ward auf die Lanze

Und niemals rotgefärbt im Bürgerzwiste.

Quelle:
Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Berlin [1916], S. 347-351.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Göttliche Komödie
Die Göttliche Komödie
La Commedia / Die göttliche Komödie: I. Inferno / Hölle Italienisch/Deutsch
Inferno: Die göttliche Komödie
Die Göttliche Komödie
Die Göttliche Komödie (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gedichte. Ausgabe 1892

Gedichte. Ausgabe 1892

Während seine Prosa längst eigenständig ist, findet C.F. Meyers lyrisches Werk erst mit dieser späten Ausgabe zu seinem eigentümlichen Stil, der den deutschen Symbolismus einleitet.

200 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon