12.

Wenn im Gaue jenes Mondes

Es auch Schwerter sollte regnen,

Will den Nacken hin ich legen,

Und die Fügung Gottes segnen.

Ich auch kenne, so wie And're,

Wie man Gottesfurcht beweise:

Doch was frommt's bei einem Glücke

Das das Ziel verlor der Reise?

Prediger und Scheïche kommen

Mir fast niemals zu Gesichte:

Gib mir einen vollen Becher,

Oder kürze die Geschichte!

Ich, ein Zecher, ein Verliebter,

Sollte Reue offenbaren?

Gott soll mich davor beschützen,

Gott soll mich davor bewahren!

Nie noch sind auf mich gefallen

Deiner Sonne Gegenstrahlen:

Ach, du Spiegelwange schaff'st mir

Durch dein hartes Herz nur Qualen!

Die Geduld schmeckt gar so bitter,

Gar so schnell vergeht das Leben:

Wann – o könnt' ich es erfahren! –

Wird Er mir zurückgegeben?

Sprich, Hafis, warum du klagest?

Willst der Liebe du geniessen,

Musst du auch zu allen Zeiten

Blut zu trinken dich entschliessen.

Quelle:
Diwan des großen lyrischen Dichters Hafis. 3 Bände, Wien 1858, Band 2, S. 525-527.
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