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[22] O naht mit Lorbeerkränzen, naht mit Palmen!
Der Freiheit Majestät ist neu erwacht;
Ein Evangelium kam über Nacht,
Herniederrauschend in Gewitterpsalmen;
Und, was vom alten Wahn umnachtet
Nach Rettung und Erlösung schmachtet:
Das eile zu des neuen Geistes Fahnen!
Das streu' ihm Blumen auf die Siegerbahnen!
[22]
Nicht Jeanne d'Arc mit Frankreichs Heldensöhnen
Hat sich dem neuen, heil'gen Kampf geweiht;
Nicht Königen, nicht Völkern gilt der Streit:
Den freien Menschen gilt es jetzt zu krönen!
Nicht winkt der Andacht Lebenssonne,
Das Bild der himmlischen Madonne;
Ein and'res Bild wird schützend uns umschweben,
Aus andern Zügen spricht ein and'res Leben.
Mag jener Traum die Träumenden beglücken;
Längst schwand dahin der Heil'gen Wundermacht.
Es ziehn die Irdischen zur Freiheitsschlacht,
Es gilt des Geistes machtvoll Schwert zu zücken!
Empor, aus trauriger Bethörung!
Empor, in heiliger Empörung!
Ein Heldenweib, mit flammenden Panieren,
Wird euch zum Sieg, wird euch zur Freiheit führen!
[23]
Auf ihren Bannern glänzt im Morgenlichte
Das freie Weib, das keinem fremden Wahn,
Das nur dem eig'nen Geiste unterthan,
Dem Losungswort der neuen Weltgeschichte!
Das freie Weib, es schmückt die Fahne!
Von Sünden frei, weil frei vom Wahne,
Dem Vater Wahn mit seiner Tochter Sünde,
Dem blöden Vater mit dem blöden Kinde.
Hört ihr des neuen Geistes lautes Mahnen?
O, nicht der Geist allein; das Herz sei frei!
Zum Himmel klagend dringt der Schmerzensschrei,
Der Hülferuf von hundert Indianen!
Soll ich mich sprödem Stolze fügen,
Als Lelia mein Herz besiegen?
Soll ich, Pulcherien gleich, dem Wahn entsagen,
Das Glück zugleich nur mit der Schande tragen?
[24]
Doch all' der Kampf, der in der Brust der Frauen
So schmerzensreich, doch zukunftsvoll, sich regt,
Der schon im Schoß ein schön'res Leben trägt,
Das wir nur ahnen, nur prophetisch schauen: –
Du zaubertest sein mächtig Walten
In lebenskräftige Gestalten!
Den Kampf der Zeit in ihren echten Töchtern
Vermachtest du den spätesten Geschlechtern!
Du heiligtest mein Sinnen und mein Trachten,
Du gabst mir Muth in einsam herber Qual;
Berührt von deines Geistes Zauberstrahl,
Kann kühner ich der Menge Spott verachten:
Mag sie vor gold'nen Kälbern beten,
Und frevelnd lästern die Propheten;
Ich steh' bei Dir, verhüllt vor ihren Blicken,
Auf freien Höh'n in heiligem Entzücken!
[25]
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Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
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