1012. An Johanna Keßler

[48] 1012. An Johanna Keßler


Wiedensahl Febr. 95.


Liebste Tante!

Nämlich, ich möchte Sie bitten, mir mal, wenn auch nur, je nach Laune und Natur, in wenigen werthen Worten zu vermelden, wie's Ihnen und den Ihrigen ergeht. Zwar, was die Kälte betrifft, so denk ich mir, Sie haben die[48] letzten 8 Wochen her, oben in der Stub, mit dem hohen, dicken, stattlichen Kachelofen ein recht gemüthliches, intimes, zufriedenstellendes, weil auf Gegenseitigkeit beruhendes, Verhältniß gehabt, und die Letty gewiß auch. Aber Nanda und Hudi? Sind sie längst glücklich durch den Berg, über die Wildbäch, über die verdächtigen eisernen Brücken? Haben sie's warm gefunden da drüben im Lande der Sehnsucht, oder zu kühl?

Unser Winter, diesseits, das muß man ihm zugestehn, ist wirklich sehr ehrenfest und standhaft gewesen. (Gewesen? Zapperment, es friert schon wieder!) Anfangs Januar besucht ich meinen alten Freund in der alten Mühle in Ebergötzen. Jedweden Nachmittag wurde hinausgeglitscht, zwei muntere Schellenpferdchen und der bellende Schnauzerl voran, durch Feld und Wald, die sich gar wundervoll ausnahmen in ihren reinlichen Pelzen von Rauhfrost und Schnee. Am Ziel der Fahrt, im Dorf oder Städtchen, trank man natürlich jedesmal mit gutem Willen ein schlechtes Glas Grog – oder sagen wir lieber gleich zwei, um der Wahrheit etwas näher zu kommen.

Von Ebergötzen ging's nach Celle, allwo ich, weil's der Druck so verlangte, ein stücker 20 bis 30 kleine Zeichnungen verfertigen thät. – Und nunmehr, nachdem ich wieder hier angelangt, grüß ich Sie auf das Herzlichste – Sie, die Letty, den Hugo, den Harry und's Nellychen, von der ich annehme, daß sie bei Ihnen ist.

Ihr getreuer Onkel

Wilhelm.


Dem Hugo dank ich, allerdings etwas spät, für seinen freundlichen Brief zu Neujahr.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 48-49.
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