1177. An Johanna Keßler

[121] 1177. An Johanna Keßler


Wiedensahl 21. Febr. 98.


Liebste Tante!

Obgleich ich nicht mit kann, freu ich mich doch sehr, daß Sie beschloßen haben, die berühmte Stadt Florenz demnächst mal zu besuchen. Von Frankfurt aus können Sie, ohne umzusteigen, in einem Zuge hinsausen, durch den Berg hindurch und über die Schluchten und Wildbäche weg. Der größte Theil jener Bilderwelt ist dann ja in den zwei Bauwerken enthalten, die durch einen gedeckten Gang über den Strom mit einander verbunden sind. Ich begnügte mich damit; oder vielmehr, es war schon viel zu viel für mich, so daß mir für manche andere Schönheiten nur wenig Genußfähigkeit über blieb. Sie werden es gewiß planmäßiger anfangen, werden sich mehr Zeit laßen und werden also viel mehr sehen, als ich damals gesehn habe.

Nun möcht ich nur, Sie kriegten recht heiters Wetter. In der Stadt liegt wohl alles nahe, aber die Umgegend möchte auch besichtigt sein, und solche Ausflüge sind zudem erfrischende Zwischenspiele.

Leben Sie wohl, liebste Tante! Sind Sie glücklich am Arno ausgestiegen, dann, bitte, geben Sie ein bißel Nachricht Ihrem

alten getreuen Onkel

Wilhelm.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 121.
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