1298. An Johanna Keßler

[174] 1298. An Johanna Keßler


Mechtshausen 18. Mai 1901.


Liebste Tante!

Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, ebenso gut, wie zuletzt, als Sie mir schrieben. Auch mich, trotz der Jahre, die an den Frackschößen hängen, trägt die Zeit noch so gelind, daß es unrecht wäre, wenn ich klagen wollte. Der Frühling ist nun endlich da und zwar im vollen Schmuck. Das Alter begrüßt ihn ja nicht mehr mit der früheren Innigkeit, aber immerhin sieht man doch nicht ohne Theilnahme das erneuerte Leben, das vorläufig noch unerschöpft aus dem Schooße der hochbetagten Mutter Erde zum Lichte drängt. Statt der weißen Kirschblüthen, die bereits verweht sind, schmücken jetzt die röthlichen Äpfelblüthen da droben in dichter Fülle den Garten aus. Mehrmals tagtäglich wird natürlich auch der Fortschritt des nützlichen Gemüses recht nahe besichtigt. Vom Rhabarber sind schon viel stattliche Stengel geerndtet. Erbsen, Bohnen, Gurken warten auf Regen. Auf den Feldern draußen steht der Roggen in Ähren. Über das Grün hinweg machen sich die blauen Berge nicht übel.

Meine Schwester, die seit sechs Wochen bei ihren Kindern in Verden und Barnstorf weilt, kehrt in einigen Tagen zurück, und dann in den Pfingstferien kommt allerlei Besuch.

Ist denn Nellie, das gute Mädchen, schon weg in die Schweiz?

Bleiben Sie froh und gesund, liebste Tante!

Herzliche Grüße an Sie und all die Ihrigen

vom alten

Onkel Wilhelm.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 174.
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