|
[134] Besäß ich Reime rauh und widerstrebend,
Wie sie dem grauenhaften Schlund' entsprächen,
Auf dem die andren Felsen alle lasten,
So drückt' ich meines Gegenstandes Saft
Wohl besser aus; doch weil ich sie nicht habe,
Schick' ich nicht furchtlos mich zu reden an.
Denn ein Beginnen ist's nicht leicht zu nehmen,
Des Weltalls Fundament zu schildern, noch auch
Dem Mund der »Papa« lallt und »Mama« paßlich.
Doch helfen mögen meinem Vers die Frauen,
Durch die Amphion Thebens Mauern baute,
Damit das Wort der Wirklichkeit entspreche.
O du, zum Unheil nur geschaffner, Pöbel,
Der an dem Ort weilt, den ich ungern schildre,
Euch wäre besser, wärt' ihr Schaf' und Ziegen!
Als unten wir im finstren Brunnen waren,
Viel tiefer noch als des Giganten Füße,
Und ich empor die hohe Mauer blickte,
Hört' ich die Worte: Achte wo du hintrittst,
Daß du mit deinen Sohlen nicht die Häupter
Der armen unglücksel'gen Brüder stoßest. –
Da wandt' ich mich, und einen See gewahrt' ich
Zu meinen Füßen und weithin, dem Kälte
Des Glases, nicht des Wassers, Ansehn lieh.
Nie hüllt' in Österreich in so dichte Schleier
Die Donau ihren Lauf zur Winterszeit,
Noch Tanais dort unterm kalten Himmel,
Als dieser war, und wäre Tambernic[134]
Darauf gefallen, oder Pietrapana,
So hätt' es selbst am Rande nicht geknickt.
Und wie zur Zeit, wenn oft vom Ährenlesen
Die Bäurin träumt, der Frosch bei seinem Quaken
Die Schnauze nur hervorstreckt aus dem Wasser,
So staken bis dahin, wo uns die Scham färbt,
Die Schatten blaugefroren fest im Eise,
Mit Zähnen klappernd nach dem Takt des Storches.
Hernieder senkten alle sie das Antlitz,
Vom Froste gab der Mund, vom schweren Herzen
Das Aug' einander wechselweise Zeugnis.
Als ein'ge Zeit umhergeschaut ich hatte,
Blickt ich herab, und sah zwei so nah sich,
Daß ihrer Häupter Haare sich vermengten.
Die Brust an Brust so fest ihr dränget, frug ich,
Wer seid ihr, sprecht? – Da wandten sie die Hälse,
Und als empor zu mir sie blickten, troffen
Die bis dahin nur tränenschwangren Augen
Hervor nun aus den Lidern; doch vor Kälte
Ward jede Träne Eis und schloß die Wimpern
So fest, wie keine Klammer Holz mit Holze
Jemals verband, weshalb im grimmen Zorne
Sie Stirne gegen Stirn gleich Böcken stießen.
Und einer, dem der Frost schon beide Ohren
Genommen, sagte, ohne aufzublicken:
Wer heißt dich, so in uns dich zu bespiegeln?
Doch willst, wer jene zweie sein du wissen:
Das Tal, aus dem herabfließt der Bisenzio,
Alberto's ihres Vaters war's und ihres.
Ein Leib' gebar sie, aber die Caïna,
Durchsuchst du ganz sie, zeigt dir keinen Schatten,
Der würd'ger wär' als sie im Eis zu stecken.
Nicht jener, dem die Hand des Königs Artus
Mit einem Wurfe Brust durchstieß und Schatten,
Focaccia nicht, nicht der des Haupt die Aussicht
Mir so versperrt, daß ich nicht vorwärts sehn kann,[135]
Und der genannt ward Sassol Mascheroni,
Nun weißt du wer er war, bist du Toskaner.
Und daß du mich nicht weiter fragest, höre,
Daß ich der Camicion de' Pazzi war;
Carlin erwart' ich, daß er mich entschuld'ge. –
Gesichter sah ich dann, wohl mehr als tausend,
Vor Kälte dunkelblau; drum graut mir jetzt noch
Und wird es ewig, vor gefrornen Wässern.
Wie wir uns so dem Mittelpunkte nahten,
Zu welchem alles hinstrebt was da schwer ist,
Und ich vor Frost im ew'gen Schatten bebte,
Da stieß ich, war es Vorsatz oder Zufall,
War es Geschick, durch all die Köpfe wandelnd,
Hart mit dem Fuße einem ins Gesicht.
Was trittst du mich, warf er mir vor und weinte,
Und, kommst du nicht die Rach' um Mont' Aperti
Noch zu vermehren, warum quälst du mich? –
O Meister, sagt' ich, weile hier ein wenig,
Bis über diesen ich in's Klare komme;
Dann heiße mich, soviel du Lust hast, eilen. –
Mein Führer stand, ich aber sprach zu jenem,
Der laut mit seinen Lästerreden fortfuhr:
Wer bist du, der du so die Leute ausschiltst? –
Drauf er: Wer bist denn du, der Antenora
Durchwandelnd, fremde Wangen so hart stößest,
Daß, wärst du lebend auch, zu hart es wäre? –
Lebendig bin ich, und das kann dir lieb sein,
War meine Antwort, wenn du Ruhm begehrest,
Daß deinen Namen ich zu andren schreibe. –
Doch er darauf: Das Gegenteil begehr' ich.
Geh nun; laß ab, mich länger noch zu quälen,
Denn schlecht versteht hier unten du zu schmeicheln. –
Ich aber packt' ihn fest beim hintern Haupthaar,
Und sprach: Den Namen sollst du doch mir sagen,
Sonst wird hier oben nicht ein Haar dir bleiben. –
Und er darauf: Wie sehr du mich auch raufest,[136]
Nicht sag' ich, wer ich sei, noch offenbar' ich's,
Wenn du auf's Haupt auch tausendmal mir herfällst. –
Schon hielt die Haar' ich in der Hand umschlungen
Und ausgerauft hatt' ich ihm manchen Büschel,
Wozu er mit gesenkten Augen bellte;
Da rief ein andrer aus: Was hast du Bocca?
Genügt dir's nicht zu klappen mit den Zähnen,
Daß du noch bellen mußt; was Teufel ist dir? –
Böswilliger Verräter, nun verlang' ich
Nicht daß du redest, sagt' ich, dir zur Schande
Werd' ich schon wahre Kunde von dir geben. –
Drauf er: Geh' hin und was du willst erzähle;
Entsteigst du aber diesem Schlund, so schweige
Von dem nicht, dessen Zunge jetzt so rasch war.
Das Geld beweint er, das ihm Frankreich gab.
Ich sah, so kannst du sagen, den von Duera
Da wo's den Sündern nicht an Kühlung mangelt.
Und fragt man dich, wer sonst noch hier gewesen,
So hast den Beccheria du zur Seite,
Dem Florenz einst die Gurgel durchgeschnitten.
Gianni de' Soldanier ist, denk ich, weiter
Dorthin mit Ganellon und Tribaldello,
Der als man schlief Faenza's Tor geöffnet. –
Schon hatten wir ihn hinter uns gelassen,
Als zwei ich sah in ein Loch eingefroren,
So daß des einen Haupt des andren Hut war.
Und wie in's Brot der Hungrige hineinbeißt,
So packt der obre jenen mit den Zähnen,
Wo das Gehirn dem Nacken sich verbindet.
Nicht anders nagte Menalippus' Schläfe
Tydeus vor großem Zorn, als dieser Schatten
Des andren Schädel tat und was dem angrenzt.
Der durch dein viehisches Gebahren du
Dem Haß bezeig'st von dem du issest, sagt' ich,
Erzähle mir den Grund, und ich verspreche,
Daß, wenn du recht hast über ihn zu klagen,[137]
Und ich erst, wer ihr seid und seine Sünde
Vernahm, ich's in der Oberwelt dir lohne,
Wenn die, mit der ich rede, nicht vertrocknet. –
Ausgewählte Ausgaben von
Die Göttliche Komödie
|
Buchempfehlung
Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik
78 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.
444 Seiten, 19.80 Euro