II.

[11] Der junge Herr Stark hatte sein Wort gegeben, im öffentlichen Concert zu erscheinen, und sich zu diesem Ende in ein lichtbraunes sammtnes Kleid mit goldgestickter Weste geworfen. Er hatte sich über dem Anziehen ein wenig versäumt, und fuhr jetzt mit grosser Eile in das gemeinschaftliche Arbeitzimmer, wo eben der Alte beim Geldzählen sass. – Friedrich! Friedrich! rief er, indem er die kaum zugeworfene Thüre mit Geräusch wieder aufriss.

Gott sei bei uns! sagte der Alte; was giebts? – und nahm die Brille herunter.

Der Sohn forderte Licht zum Siegeln, warf sich an seinen Schreibtisch, und murmelte dem Alten, seitwärts die Worte[12] zu: Ich habe zu arbeiten – Briefe zu schreiben.

So eilfertig? sagte der Alte. Ich wiederhol' es dir schon so oft: bedächtig arbeiten und anhaltend, hilft weiter, als hitzig arbeiten und ruckweis. – Doch freilich! freilich! Je eher man sich vom Arbeitstisch hilft, desto früher – –

Kömmt man zum Spieltisch, wollte er sagen; aber weil eben Friedrich mit Licht hereintrat, so besann er sich, und verschluckte das Wort.

An wen schreibst du denn da? fing er nach einiger Zeit wieder an.

An Eberhard Born in S**.

Den Sohn?

Der Vater heisst August, nicht Eberhard.

Gut? Meine Empfehlung an ihn! – Ich denke noch oft an die Reise von[13] vorigem Sommer, wo ich ihn kennen lernte. Es ist doch ein vortrefflicher junger Mann.

O ja! murmelte der Sohn in sich hinein. Wer nur auch so wäre!

Ein ordentlicher, arbeitsamer, gesitteter Mann, wie geboren zum Kaufmann. Voll Muths, etwas zu unternehmen, aber nie ohne Bedacht; in seinem Äusserlichen so anständig, so einfach: von Sammt und Stickereien kein Freund, und was ich an ihm ganz vorzüglich schätze – kein Spieler. Ich denke, er soll in seinem Leben noch sein erstes Solo verlieren. – Wenn er ja einmal spielt, so ist es nicht in der Karte, sondern mit seinen Kindern. Er hat so liebenswürdige Kinder! – Ach, und der Alte, sein Vater! Der kann so ganz aus vollem Herzen gegen ihn Vater seyn. Das ist ein glücklicher Mann! –[14] Ich kenne Väter, fuhr er ein wenig leiser fort, die sich an ihm versündigen, die ihn beneiden könnten.

Schreib, oder –! sagte der Sohn, indem er eine Feder nach der andern auf den Tisch stampfte und hinwarf.

Der Alte sah das eine Weile mit an. – Du bist ja ganz ärgerlich, wie es scheint?

Wer's nicht wäre! murmelte der Sohn wieder in sich.

Bin etwa ich daran Ursache? Hab' ich deinen Geschmack nicht getroffen? – Er stand auf, und ging zum Tische des Sohns. – Ich weiss, du bist von Winken und von Anspielungen eben kein Freund, und ich kann ja auch deutlicher reden.

O, es braucht dessen nicht, sagte der Sohn, und schrieb fort.[15]

Der Alte nahm ihm ruhig die Feder aus der Hand, sprützte sie aus, und legte sie hin. – Sieh! fing er dann an: es wird mir von Tage zu Tage immer ärgerlicher, dass ich einen Menschen von so weitläuftigem Kopfe und von so engem Herzen zum Sohn haben muß. Einen Menschen der für seinen Putz, sein Vergnügen, der in L'hombre und Whist ein Ducätchen nach dem andern, oft auch wohl dutzendweise, vertändelt; der nur noch gestern wieder bis in die sinkende Nacht gespielt hat, und der, wenn er eine grossmüthige Handlung thun sollte, vielleicht keines Thalers Herr wäre; – einen Menschen, der ewig ledig bleibt, weil keine Partie ihm reich genug ist, und der doch immer übrig hat, zu fahren, zu reiten, den Cavalier zu machen, Sammt und Stickereien zu tragen. – Ich muss wohl nicht[16] Unrecht haben, fuhr er nach einigem Stillschweigen fort; denn du kannst mir nicht antworten.

O, ich könnte, sagte der Sohn, indem er mit Hitze aufstand; aber – –

So sprich! Was verhinderte dich?

Bei Gott! ich bin es müde, so fortzuleben. –

Dass ich das hoffen dürfte!

Ich bin nun, denk' ich, ein Mann, und kein Kind mehr. Warum wird mir denn noch immer begegnet, wie einem Kinde?

Sohn! Sohn! Es giebt alte Kinder.

Ich bin aufmerksam; ich versäume nichts, was zu thun ist: ich setze nie die Achtung und die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen –

Nur den Gehorsam ein wenig.

Ich verwalte das Ihrige mit Redlichkeit[17] und mit Treue: und doch – doch kann ich keine Stunde in Ruhe leben; doch wird mir durch Vorwürfe ohne Ende jeder Augenblick meines Daseins verkümmert; doch wird mir jede Zerstreuung, jedes elende Vergnügen gemissgönnt.

Du sprichst sehr hart, aber sehr wahr. Jedes elende Vergnügen!

Elend – weil es mir nichts, oder eine Wenigkeit kostet. Was hab' ich denn verloren, wenn ich verlor?

Das Kostbarste, was wir haben: die Zeit.

Und soll ich denn gar keinen Genuss meiner Jugend haben? Soll ich immer so fortarbeiten, wie Sie; mich eben so tragen, eben so einschränken, wie Sie? eben so – –

Nun, was stockst du? Sprich aus![18]

Eben so – bei Thalern zusammensparen, um bei Hunderten wegzuwerfen?

Wegzuwerfen! sagte der Alte, dem nichts in der Welt so unerträglich schien, als dass Kinder ihre Eltern über den freien Gebrauch eines selbsterworbenen Vermögens richten sollten. – Dacht' ich es doch, dass der junge Mensch noch würde mein Vormund werden! Wegzuwerfen? Was verstehst du darunter? Was heisst bei dir wegwerfen? Sprich! – Er ging ihm nach, und hielt ihn etwas unsanft am Arme. – Seinen Beutel für jeden ehrlichen Mann offen halten, der Beistand braucht; etwa das?

Ehrlich! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener Stimme. Wenn sie es alle wären!

O, ich bin noch wenig betrogen. Ich fasse meinen Mann erst ins Gesicht, ehe[19] ich gebe. Und was nennst du denn wegwerfen? Sprich!

Sie borgen Allen – ohne das Geringste davon zu haben.

Thor! Ohne das Geringste davon zu haben? – Er zog die Hand von seinem Arme, und gab ihm einen Blick voll Verachtung. – Ich habe das davon, zu sehn, dass es meinem Mitmenschen wohl geht. Rechnest du das für nichts? – Und wenn sie mich einst die lange Strasse hinabtragen, und ich hier Alles dahintenlasse; so hoff' ich, es soll da Mancher mit Thränen in seinen Augen sprechen: »Schade um den rechtschaffenen Mann! Ich hab' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand zu danken. Ich war in Noth und kam zu ihm; da half er mir auf, und ich konnte bei Ehren bleiben.« – Bei dir hingegen. – – Doch was stehe[20] ich da und predige in den Wind? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie, und wollte Gott, dass es eine gescheidtere wäre! – Nur immer wieder an deine Arbeit! Schreib! Schreib!

Quelle:
Johann Jakob Engel: Schriften. Band 12, Berlin 1806, S. 11-21.
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