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Ein Jüngling war, in dessen zartem Wesen,
Wie Licht und Wind in einer duft'gen Wolke,
Die vor des blauen Mittags Gluth zergeht,
Der Genius sich mit dem Tode stritt.
Niemand vermag die süße Lust zu ahnen,
Die seinen Odem, gleich dem Zauberbann
Der stillen Sommerluft, verstummen machte,
Als er mit der Geliebten, welche damals
Die Schrankenlosigkeit vereinten Seins
Zuerst gekostet, durch ein Feld gewandelt,
Das, gegen Ost von einem Hain beschattet,
Dem Himmel gegen Westen offen lag.
Dort war die Sonne jetzt hinabgesunken,
Doch Streifen Golds umsäumten noch die Wolken,
Der weiten Grasesebne Spitzen, und
Des alten Löwenzahnes grauen Bart,
Und lagen auf dem dichten, braunen Wald,
Vereinigt mit des Zwielichts Dämmerschatten.
Im Ost hob langsam sich des Vollmonds Scheibe
Zwischen der Bäume Stämmen hell empor,
Und droben schaarten sich die bleichen Sterne. –[310]
»Ist es nicht seltsam, Isabella«, sprach
Der Jüngling, »daß ich nie die Sonne sah?
Wir wollen morgen wieder hieher wandeln,
Dann sollst du sie mit mir einmal beschaun.«
Der Jüngling und das Mädchen lagen Beide
Vereint in Lieb' und Schlummer diese Nacht –
Doch als der Morgen kam, da fand das Mädchen
Den Freund, den heißgeliebten, todt und kalt.
Glaubt nicht, daß Gott in seiner Gnade so
Ihn heimgeführt. Das Mädchen starb nicht, ward
Wahnsinnig nicht, – sie lebte lange Jahre.
Zwar mein' ich, ihre Sanftmuth und Geduld,
Ihr traurig Lächeln, und daß sie nicht starb,
Nein, weiter lebt', um ihren greisen Vater
Zu pflegen, waren eine Art von Wahnsinn,
Wenn Wahnsinn anders sein heißt, als die Welt.
Denn sie zu sehn nur, war, als ob man lese
Ein Lied, das ein geweihter Dichter schuf,
Das harte Herzen löst in linde Wehmuth.
Von Thränen war die Wimper weggesengt,
Und Lipp' und Wange wie der Tod so bleich,
Die Hände mager, daß durch die Gelenke
Und Adern schier des Tages röthlich Licht
Durchschien. Das Grab von deinem todten Ich,
Das Ein unsteter Geist bei Nacht und Tag
Bewohnt, ist Alles, du verlornes Kind,
Was noch von dir hienieden übrig blieb!
»Der du geerbt mehr, als die Erde beut:
Ruh' ohne Leidenschaft und ew'ges Schweigen!
Ob Todte finden, o, nicht Schlaf, doch Rast,
Und schmerz- und klaglos sind, wie sie uns scheinen;
Ob sie fortleben, ob ins tiefe Meer
Der Liebe sinken: – o daß meine Grabschrift,
Gleich deiner, ›Frieden‹ lautete!« Dies war
Die einz'ge Klage, die sie je gesprochen.
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Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
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