Georg Trakl

Aus goldenem Kelch. Barrabas

Eine Phantasie

[113] Es geschah aber zur selbigen Stunde, da sie des Menschen Sohn hinausführten gen Golgatha, das da ist die Stätte, wo sie Räuber und Mörder hinrichten.

Es geschah zur selbigen hohen und glühenden Stunde, da er sein Werk vollendete.

Es geschah, daß zur selbigen Stunde eine große Menge Volks lärmend Jerusalems Straßen durchzog – und inmitten des Volkes schritt Barrabas, der Mörder, und trug sein Haupt trotzig hoch.

Und um ihn waren aufgeputzte Dirnen mit rotgemalten Lippen und geschminkten Gesichtern und haschten nach ihm. Und um ihn waren Männer, deren Augen trunken blickten von Wein und Lastern. In aller Reden aber lauerte die Sünde ihres Fleisches, und die Unzucht ihrer Geberden war der Ausdruck ihrer Gedanken.

Viele, die dem trunkenen Zuge begegneten, schlossen sich ihm an und riefen: »Es lebe Barrabas!« Und alle schrieen: »Barrabas lebe!« Jemand hatte auch »Hosiannah!« gerufen. Den aber schlugen sie – denn erst vor wenigen Tagen hatten sie Einem »Hosiannah!« zugerufen, der da in die Stadt gezogen kam als ein König, und hatten frische Palmenzweige auf seinen Weg gestreut. Heute aber streuten sie rote Rosen und jauchzten: »Barrabas!«

Und da sie an einem Palaste vorbeikamen, hörten sie drinnen Saitenspiel und Gelächter und den Lärm eines großen Gelages. Und aus dem Haus trat ein junger Mensch in reichem Festgewand. Und sein Haar glänzte von wohlriechenden Ölen und sein Körper duftete von den kostbarsten[113] Essenzen Arabiens. Sein Auge leuchtete von den Freuden des Gelages und das Lächeln seines Mundes war geil von den Küssen seiner Geliebten. Als der Jüngling Barrabam erkannte, trat er vor und sprach also:

»Tritt ein in mein Haus, o Barrabas, und auf meinen weichsten Kissen sollst du ruhen; tritt ein, o Barrabas, und meine Dienerinnen sollen deinen Leib mit den kostbarsten Narden salben. Dir zu Füßen soll ein Mädchen auf der Laute seine süßesten Weisen spielen und aus meinem kostbarsten Becher will ich dir meinen glühendsten Wein darreichen. Und in den Wein will ich die herrlichste meiner Perlen werfen. O Barrabas, sei mein Gast für heute – und meinem Gast gehört für diesen Tag meine Geliebte, die schöner ist als die Morgenröte im Frühling.

Tritt ein, Barrabas, und kränze dein Haupt mit Rosen, freu' dich dieses Tages, da jener stirbt, dem sie Dornen aufs Haupt gesetzt.«

Und da der Jüngling so gesprochen, jauchzte ihm das Volk zu und Barrabas stieg die Marmorstufen empor, gleich einem Sieger. Und der Jüngling nahm die Rosen, die sein Haupt bekränzten, und legte sie um die Schlafen des Mörders Barrabas. Dann trat er mit ihm in das Haus, derweil das Volk auf den Straßen jauchzte. Auf weichen Kissen ruhte Barrabas; Dienerinnen salbten seinen Leib mit den köstlichsten Narden und zu seinen Füßen tönte das liebliche Saitenspiel eines Mädchens und auf seinem Schoß saß des Jünglings Geliebte, die schöner war denn die Morgenröte im Frühling. Und Lachen tönte – und an unerhörten Freuden berauschten sich die Gäste, die sie alle waren des Einzigen Feinde und Verächter – Pharisäer und Knechte der Priester. Einer Stunde gebot der Jüngling Schweigen, und aller Lärm verstummte.

Da nun füllte der Jüngling seinen goldenen Becher mit dem köstlichsten Wein, und in dem Gefäß ward der Wein wie glühendes Blut. Eine Perle warf er hinein und reichte den Becher Barrabas dar. Der Jüngling aber griff nach einem Becher von Kristall und trank Barrabas zu:

»Der Nazarener ist tot! Es lebe Barrabas!«[114]

Und alle im Saale jauchzten:

»Der Nazarener ist tot! Es lebe Barrabas!«

Und das Volk in den Straßen schrie:

»Der Nazarener ist tot! Es lebe Barrabas!«

Plötzlich aber erlosch die Sonne, die Erde erbebte in ihren Grundfesten und ein ungeheures Grauen ging durch die Welt. Und die Kreatur erzitterte. Zur selbigen Stunde ward das Werk der Erlösung vollbracht!

Quelle:
Georg Trakl: Das dichterische Werk. München 1972, S. 113-115.
Erstdruck in: Salzburger Volksblatt, 30.6. 1906.
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