Herr Wendriner nimmt ein Bad

[155] »Bademeister! Bademeister! Unerhört! Ist die Ostsee für die Kundschaft da, oder sind Sie für die Ostsee da? Was sich diese Leute erlauben! Nu geben Sie schon her den Bademantel! Hier! Nein, da! Herrgott . . . Nächstes Jahr gehn wir ins Gebirge – ich wer Ihnen das schon zeigen. Nein, die Zelle da will ich nicht – die andre. Morgen, Gumpel! Na, Sie auch hier? Ja? Nehm Se doch die Zelle nebenan, können wir uns 'n bißchen unterhalten. Meine Tür schließt nich. Habn Se sowas schon gesehn? Vafluchcht – so – jetzt is se zu. Eine Hitze is das heute . . . Is das Wasser warm? Sechzehn Grad? Das Thermometer geht sicher nach. Wo wohnen Sie? Wir wohnen im Pallaß. Mit Bad – natürlich, Gott, man brauchts hier eigentlich gahnich, aber meine Frau . . . Gumpel, is bei Ihnen auch so ein Sand in der Zelle? Ekelhaft – überall is Sand. Wie? Wie? Wer ist hier? Gutenberg? Hab ich nicht gesehn. Nein. Wie? Nein, ich kenne ihn bloß oberflächlich: er war bei mir zur Geschäftsaufsicht. Gumpel – haben Sie die Abendzeitung? Wie stehn Ufa? Wie? Und Höchster? Und Oberbedarf? Nischt los jetzt – ich mach auch fast gar nichts mehr. Was tut sich noch? Entwaffnungsnote? Meine Badehose is mir zu klein. Sehn Se mal unter Familienanzeigen nach, ob Georg Wertheimer drin steht. Steht nich drin? Komisch. Sind Sie fertig? Ich bin auch fertig.

Menge Leute hier. Das muß ne Goldgrube sein, son Bad. Na – wie wärs: wir pachten den Strand da unten an der Insel, bauen einen kleinen Badeort auf, machen ne A.-G. – wenn man da die Börsenzulassung kriegt, stehn die Aktien sofort mindestens . . . Nehm Sie doch Ihre Beine weg! Frechheit! Komm Se, ich leg mich erst noch 'n bißchen in den Sand. Volle Pension haben Sie? Ich weiß nicht: ich bin nich für volle Pension. Man hat lange nicht so viel fürs Geld. Sehn schlecht aus, Gumpel – fehlt Ihn was? Heute abend ist Nelson-Gastspiel – Gott, siss mal ne Abwechslung . . . Was halten Sie von der Aufwertung? Meschugge – sag ich Ihnen. Manche warten schon drauf. Bloch war 'n gemachter Mann. Was meinen Sie – ich habe gestern schon zu meim Schwager gesagt: man sollte bei den Auslandsverkäufen wieder das Skonto erhöhen. Wegen der Konkurrenzfähigkeit. Hab ich Ihnen eigentlich schon erzählt, wie die letzte Generalversammlung verlaufen ist? Ja, Dienstag war se – die hab ich noch mitgenommen. Der Löwenstein[155] war da, ein ganz frecher Patron! Steht da auf und hält da eine Rede – ›im Namen der Opposition‹ –, und er ist gegen die Ausgabe von Vorzugsaktien an die Aufsichtsratsmitglieder! Wir ham ihn ruhig reden lassen, und dann ist der Justizrat Goldscheider aufgestanden, der junge, nicht der alte – nein, der Bruder, der, der immer Sodbrennen hat, und hat ihn sehr ernst zurückgewiesen. Außerdem hatten wir die Majorität. Sehn Se mal, das Schiff da hinten. Ein Kriegsschiff? Glaub ich nicht! Na, wenn schon. Was meinen Sie, wie nötig braucht Deutschland eine Kriegsflotte. Der Wilhelm war gar nicht so schlecht, wie se ihn jetzt immer machen. Na ja – ein Goi . . . aber doch ganz gut. Rasieren müßt ich mich heute lassen. Sie wem auch schon ganz hübsch dick, Gumpel. Sie sollten mal was für Ihre Gesundheit tun. Man kriegt leicht 'n Schlag, wenn man so dick ist wie Sie. Sahrnsema: was ham Sie eigentlich mit dem Grundstück in der Königstraße gemacht? Verkauft? Hätt ich nicht getan. Heutzutage . . . ne alte Baracke? Na, wenn auch. Ich geh 'n bißchen ins Wasser. Gehn Sie auch ins Wasser? Ich geh 'n bißchen ins Wasser. Erst die Brust kalt machen – hat mir der Arzt geraten. Gumpel – nehm Se sich in acht! da kommt ne Welle! Sehn Se! Sehn Se! Da hinten steht mein Schwager mit Ihrer Frau und meinem Altesten! Huhu! Huhuhuhu! Jaa! Nachher! Ins Strandrestaurant! Bringt die Stullen mit! Gumpel – Sie sind ein kühner Schwimmer. Wo haben Sie das gelernt? Äh – mir die Welle übern ganzen Kopp. Ich geh raus. Gumpel – hatten Sie nich noch 'n Grundstück neben dem andern? Das wollen Sie behalten? Ich würde heute keine Grundstücke behalten. Für 365 Mille . . . nu, ich meine, man kann doch mal drüber reden. Der Sand zwischen den Zehen geht so schwer raus – bei Ihnen auch? Jedenfalls sag ich Ihnen: wenn die die Grundsteuerumlage wieder so erhöhen, wem Se schön dasitzen mit Ihren Grundstück. Nu – Se wem ja sehn. Wieviel Quadratmeter sind das? Vierunddreißig mal zehn – plus hundertachtzig . . . Hören Sie auf mich. Ich wer auf die Sache zurückkommen. Wie? Uralt der Witz, ich weiß schon: ›Und da nimmt die Krankenschwester das Bettdeck hoch und sagt: Sie vielleicht?‹ Ich bin fertig. Sind Sie auch fertig? Bademeister!

Wissen Se, Gumpel – son Bad – das ist direkt was Erfrischendes. Das bringt einen doch wieder mal auf andre Gedanken –!«


  • · Kaspar Hauser
    Die Weltbühne, 30.06.1925, Nr. 26, S. 971, wieder in: Mit 5 PS.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 4, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 155-156.
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