Die Entführung

[281] v. Seckendorfs Musenalmanach auf 1808. S. 16.


Ich bin durch Frauen Willen

Geritten in fremde Land,

Mich hat ein edler Ritter

Zu Boten hergesandt.

Der entbeut euch sein viel werthen Gruß,

Nun entbiet't ihm was ihr wöllet,

Von euch, so hat er Freuden g'nug.[281]

Was soll ich ihm entbieten?

Redt als das Mägdlein rein,

Säh ich den Held mit Augen,

Das erfreuet das Herze mein.

Und siehst du dort die Linden,

Wohl vor der Burge stahn,

Da heiß dann deinen Herren

Des Abends spät darunter gahn.

Da will ich mit ihm kosen,

Und sagen meinen Muth;

Ich bin vor großen Sorgen

Sicher wol behut't.


Da der edel Ritter

Da unter die Linden kam,

Was fand er unter der Linden?

Ein Mägdlein die war wolgethan.

Ab zog er den Mantel sein,

Er warf ihn in das Gras.

Da lagen die zwey die lange Nacht,

Bis an den lichten Tag.

Er halst, er küßt, er drücket,

Sie lieblich an sein Leib;

Du bist auf meine Treue,

Das allerliebste Weib.


Nun ist dir dein Will an mir zergangen,

Redt als das Mägdlein rein,

So thust du wol dem geleiche,

Sam du mir treu wollst sein.

Und kehrst mir bald den Rücken

Und reist dahin von mir.

So thu ich als ein kleines Kind,

Und wein, ach edler Herr! nach dir.[282]


So verbiet ich euren Augen

Ihr wunder schönes Weib!

Daß sie nach mir nicht weinen,

Ich komm her wieder in kurzer Zeit.

Und siehst du dort mein Rößlein

Nach dem Zügel schlagen,

Das soll uns, mein allerliebstes Lieb!

Aus größten Nöthen tragen.


Da hub sich in der Burge,

Wol wunder großer Schall,

Der Wächter an der Zinne,

Der sang: die Burg ist aufgethan!

Hat jemand hier verloren,

Der soll sein nehmen wahr.

Da sprach der Edel von Kerenstein:

Ich hab mein' schöne Tochter verloren,

Darum so hast du Wächter genommen das rote Gold,

Darum so must du leiden den bittern Tod.


Nun weiß es Christ vom Himmel wol

Daß ich unschuldig bin,

Und ist mein schön Jungfraue,

Mit einem andern dahin,

Das war ihr beider Wille,

Sie waren einander lieb.

Der Wächter an der Zinne,

Der sang so wol ein Tagelied.[283]


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 281-284.
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