Der wandernde Gesell

[87] Wie glänzt mir jede Stadt so hell,

Wo mir kein Haus gebauet,

Wo ich als wandernder Gesell,

Mich lustig umgeschauet;

Wenn in der leichten Abendtracht,

Die Mädchen in den Thüren,

Weil sie vom hellen Mond bewacht,

So manchen Muthwill spüren.


»Hilf Gott,« so spricht mich eine an,

»Das nenne ich noch gähnen,

Bist du nicht auch ein Leiermann,

Sing mir von Lust und Thränen! –

Sing langsam, daß ichs von dir lern,

Ich wills dem Liebsten singen,

Das Wetter leuchtet still von fern,

Die Grillen Ständchen bringen.«


Ich sing von einem Ort im Rhein,

Da liegen große Glocken,

Und wird im Jahr ein edler Wein,

Da stehen sie ganz trocken,

Und schlagen drauf die Schiffer an,

Da rufen sie nach Weine;

Ich bin ein durst'ger Leiermann,

Und habe müde Beine.


»Hier hast du eine Flasche Wein,

Und hier die Bank von Steinen,

Und denk, du säßest hier am Rhein,

Und tränkst von edlen Weinen;[87]

Und greif mir nicht nach meinem Arm,

Ich wärm ihn in der Schürze,

Und singe nur, es ist nicht warm,

Und mir die Zeit verkürze.«


Am Rheine war ein geiz'ger Abt,

Der gönnt es nicht den Leuten,

Daß sie an Trauben sich erlabt,

Wenn sie zur Lese schreiten;

Darum erfand der listge Mann,

Sie mußten immer singen:

Dieweil dann keiner essen kann,

Und die in Butten springen.


So soll ich singen vor der Thür,

Und möcht dich lieber küssen,

O Mädchen nimm mich doch zu dir,

Und morgen will ich grüßen,

Mit allem süßen Zaubersang,

Geschöpft aus deinem Munde,

Jetzt schweigt mein Mund in Liebesdrang,

Der Wächter ruft die Stunde.


»Der Wächter singt sein Verslein gut,

So gut magst du nicht singen;

Er hat so einen tapfern Muth,

Und kann Gespenster zwingen.

Er hat ein gar gewaltig Horn,

Und bläßt recht mir zum Spaße,

Sein Lieb zu mir hat grimmen Zorn,

Darum zieh deine Straße.«


Als ich die Warnung kaum vernehm',

Hör ich die Hunde heulen,

Da ist's auch mir so unbequem,

Daß ich davon muß eilen:

Ich seh den Wächter an der Thür,

Er thut mein Mädchen küssen,

Doch hat sie drauf, das glaubet mir,


Die Thür ihm zugeschmissen.[88]

Und wie er nun in seinem Grimm

Und ich in meinem Lachen,

Da ruft er mir mit starker Stimm:

Was hast du Nachts zu machen? -

Die Lieb ist leer, die Flasch ist aus,

Auf dir sei sie zerschmissen!

Das that ich und sie lacht im Haus;

Dann bin ich ausgerissen.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 23: Gedichte, Teil 2, Tübingen und Berlin 1976, S. 87-89.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon