[Komm heraus, komm heraus]

[276] Komm heraus, komm heraus, du schöne schöne Braut,

Deine guten Tage sind nun alle, alle aus.

Deine Jungfraun läßt du stehn,

Willst nun zu den Weibern gehn.


Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,

Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.


Lege ab, lege ab auf ew'ge, ew'ge Zeit

Schild und Schwert und Panzer, deine Waffen, dein Geschmeid.

Aus dem Helm ins Haubelein

Schließest du die Locken ein.


Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,

Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.


Lache nur, lache nur, die roten, roten Schuh

Werden dich einst drücken, sie sind eng genug dazu,

Wenn wir zu dem Tanze gehn,

Wirst du bei der Wiege stehn.


Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,

Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.


Winke nur, winke nur, sind nur leichte leichte Wink',

Bis du an dem Finger trägst den goldnen Sklavenring,

Goldne Ketten legst du an,

Und beschwerlich wird die Bahn!


Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,

Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.


Tanze nur, tanze nur deinen letzten letzten Tanz,

In der Sonne welket bald dein schöner Hochzeitskranz.

Lasse nur die Blumen stehn,

Auf den Acker mußt du gehn.[277]


Dein Schleierlein weht, dein Schleierlein weht,

Die Tränen des Taues, die weinest du zu spät.


Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 1, München [1963–1968], S. 276-278.
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