SONNWENDZUG

[47] Schwüle drückt auf uns im saal von lichtern

Und von rauchenden becken ·

Elfenbeinern starren unsre leiber –

In die gluten und schatten

Langen feiertags getaucht · in zierden

Die aus hangenden bögen

Wand und boden triefen · aus den flöten

Und balsamischem wein.

Da durchsprengt ein nachtwind alle fenster ·

Unsre fackeln verlöschen ·

Süsse schauder recken uns die haare ·

Wir verlassen die becher ·

Schleppen über estrich hin und strasse

Die zerrissenen kränze ·

Brechen durch das stadttor in die dörfer

Unter klingendem tanze ·

Sehn die flur im brünstigen morgen rege

Von den scharen der mähder[48]

Hirten pflanzer – stürzen nackt entgegen

Ihren strotzenden kräften ·

Haften unsren hellen blick des traumes

In die nährenden blicke

Scheuen tiers die staunen und nur langsam

An der glut sich entzünden.

Blanke glieder hängen sich und schlingen

Um die sehnigen braunen

Fest wie ranken um die mutterbäume ·

Das gedränge verwirbelt

Nass von scholle und gestampftem grase

Mit dem staub der gesäme.

Ruf von lust und grausen hallt im haine

Vom beginnenden jagen ·

Zitternd tasten hände noch nach locken

Da verdurstet schon manche

Heiss von fang und flucht · besprizt vom safte

Ausgequollener früchte ·

Blut und speichel harter lippen trinken

Und auf qualmigen garben

Andre wechselnd beide blumen küssen

Auf der brust den Gewählten.

Quelle:
Stefan George: Der siebente Ring. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 6 / 7, Berlin 1931, S. 47-49.
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Sämtliche Werke in 18 Bänden. Bd. 6/7: Der siebente Ring
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