XXII

[28] Nicht glaub ich meinem spiegel · ich sei alt

Solang ihr · du und jugend · euch noch gleicht.

Doch seh ich: Zeit reisst in dich ihren spalt ·

So weiss ich dass mein tag sein end erreicht.


Denn all die schönheit hingestreut auf dir

Deckt als ein schicklich kleid mein herz nur zu:

Das lebt in deiner brust wie deins in mir:

Wie könnt ich also älter sein als du?


O Liebe · drum nimm auf dich selbst bedacht

Wie ich der es für dich – für sich nicht – tut.

Ich trag dein herz und nehm es so in acht

Wie zarte amme hält ihr kind in hut.


Beanspruch nicht dein herz · geht meins zu grabe:

Du gabst mir deins auf nimmerwiedergabe.[28]


Quelle:
George, Stefan: Shakespeare. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 12, Berlin 1931, S. 28-29.
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