Dritter Auftritt


[43] Orest. Iphigenie. Pylades.


OREST.

Seid ihr auch schon herabgekommen?

Wohl, Schwester, dir! Noch fehlt Elektra:

Ein güt'ger Gott send' uns die eine

Mit sanften Pfeilen auch schnell herab.

Dich, armer Freund, muß ich bedauern!

Kommt mit! Kommt mit! zu Plutos Thron,

Als neue Gäste den Wirt zu grüßen.

IPHIGENIE.

Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel

Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf

Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen

Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister!

Du liebst, Diane, deinen holden Bruder

Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet,

Und wendest dein jungfräulich Angesicht

Nach seinem ew'gen Lichte sehnend still.

O laß den einz'gen, spätgefundnen mir

Nicht in der Finsternis des Wahnsinns rasen!

Und ist dein Wille, da du hier mich bargst,

Nunmehr vollendet, willst du mir durch ihn

Und ihm durch mich die sel'ge Hilfe geben,

So lös' ihn von den Banden jenes Fluchs,

Daß nicht die teure Zeit der Rettung schwinde.

PYLADES.

Erkennst du uns und diesen heil'gen Hain

Und dieses Licht, das nicht den Toten leuchtet?

Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester,

Die dich noch fest, noch lebend halten? Fass'

Uns kräftig an: wir sind nicht leere Schatten.

Merk' auf mein Wort! Vernimm es! Raffe dich

Zusammen! Jeder Augenblick ist teuer,

Und unsre Rückkehr hängt an zarten Fäden,

Die, scheint es, eine günst'ge Parze spinnt.

OREST zu Iphigenien.

Laß mich zum ersten Mal mit freiem Herzen

In deinen Armen reine Freude haben!

Ihr Götter, die mit flammender Gewalt[43]

Ihr schwere Wolken aufzuzehren wandelt

Und gnädig-ernst den lang' erflehten Regen

Mit Donnerstimmen und mit Windesbrausen

In wilden Strömen auf die Erde schüttet,

Doch bald der Menschen grausendes Erwarten

In Segen auflöst und das bange Staunen

In Freudeblick und lauten Dank verwandelt,

Wenn in den Tropfen frisch erquickter Blätter

Die neue Sonne tausendfach sich spiegelt

Und Iris freundlich bunt mit leichter Hand

Den grauen Flor der letzten Wolken trennt:

O laßt mich auch in meiner Schwester Armen,

An meines Freundes Brust, was ihr mir gönnt,

Mit vollem Dank genießen und behalten!

Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz.

Die Eumeniden ziehn, ich höre sie,

Zum Tartarus und schlagen hinter sich

Die ehrnen Tore fernabdonnernd zu.

Die Erde dampft erquickenden Geruch

Und ladet mich auf ihren Flächen ein,

Nach Lebensfreud' und großer Tat zu jagen.

PYLADES.

Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist!

Der Wind, der unsre Segel schwellt, er bringe

Erst unsre volle Freude zum Olymp.

Kommt! Es bedarf hier schnellen Rat und Schluß.

Quelle:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 5, Hamburg 1948 ff, S. 43-44.
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