Traum

[58] Ich bin eine Harfe

mit goldenen Saiten,

auf einsamem Gipfel

über die Fluren

erhöht.


Du laß die Finger leise

und sanft darüber gleiten,

und Melodien werden

aufraunen

und aufrauschen,

wie nie noch Menschen hörten;

das wird ein heilig Klingen

über den Landen sein ...


Ich bin eine Harfe

mit goldenen Saiten,

auf einsamem Gipfel

über die Fluren

erhöht –


und harre Deiner,

oh Priesterin!

daß meine Geheimnisse

aus mir brechen

und meine Tiefen[59]

zu reden beginnen

und, wie ein Mantel,

meine Töne

um dich fallen,

ein Purpurmantel

der Unsterblichkeit.

Quelle:
Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. Abteilung 1, Band 3, Basel 1971–1973, S. 58-60.
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