Die Scheidungsbrücke

[29] Zwischen Zeit und Ewigkeit

Steht die Scheidungsbrücke,

Füllend mit dem Schreckensglanz

Die furchtbare Lücke.


Weißt du wohl, wie scharf und fein

Ist der Brücke Bogen?

Wie ein Schwert ist sie gezückt,

Wie ein Haar gezogen.


Soll ein Fuß des Menschen gehn

Auf der schmalen Brücke,

Wo nicht aufzufußen hat

Raum ein Fuß der Mücke!
[29]

Wer nicht fest darüber hin

Sich zu schreiten trauet,

Hoffe nicht, daß drüben ihm

Edens Wonne tauet.


Wenn der Frevler angelangt,

Steht die Brück' und funkelt,

Daß sich die Besinnung ganz

Schwindelnd ihm verdunkelt.


Ihn verwirrend, tritt heran

Mit des Todes Schrecken

Das Gedächtnis seiner Schuld,

Grau'n ihm zu erwecken.


Drunten gähnt der Abgrund auf,

Und der Seele Beben

Treibet ihn, dem eignen Sturz

Selber zuzustreben.


Doch, wo ein Gerechter geht,

Schwebt um ihn Vertrauen,

Das den Abgrund ihm entrückt

Und ihm läßt nicht grauen.


Hoffnung hebet seinen Blick,

Liebe gibt ihm Schwinge,

Glaube lächelt, daß sein Geist

Selig vorwärts dringe.


Seiner guten Werke Duft

Wird zu Goldwolkrändern,

Daß sich ihm die Brücke rings

Schmücke mit Geländern.


Auf der Brücke geht er hin,

Unter seinem Fuße

Steht sie wie aus Quaderstein

Oder Eisengusse.
[30]

Freimund! wenn du drüber gehst,

Hüllen deine Lieder

Dich in Duft, daß du nicht siehst

In den Schwindel nieder.


Schwebend, wie der Morgenwind

Über Lilienbeete,

Geh, daß nicht dein Fußtritt schwer

Auf die Brücke trete.


Quelle:
Friedrich Rückert: Werke, Band 2, Leipzig und Wien [1897], S. 29-31.
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