Rechnungsrates verregnete Reise

[305] Und wie ich vom Regen begossen

Die Wegweiser las,

Da lag ein Hemd, wie erschossen,

Zum Bleichen im Gras.


Ich dachte: Zweifellos leben

Hier Menschen und leben nicht schlecht.

Und sah das Hemd und daneben

Ein Haus. Also hatte ich recht.


Ich wollte mich selber beklagen,

Zog bitter mein Los in Vergleich,

Doch machte das Mißbehagen

Im Regen mich weich.


Man soll sich nichts selber verleiden.

Und Mißgunst ist immer wie Rost.

Ich gab unter Schwierigkeiten

Eine Depesche zur nächsten Post:

»Erwarte für morgen Montag früh

Den Mann mit dem accent aigu.«


Zwar ist es im Grunde ein kleiner

Umstand, aber er quält,

Daß nun seit Jahren schon meiner

Schreibmaschine der Rechtsknüppel fehlt.
[305]

Man muß die Natur nur erfassen,

Wie immer das Wetter auch sei.

Bewußt, den Zug zu verpassen,

War ich doch ruhig dabei.


Ich fuhr also heim. Denn, was blieb mir

Sonst übrig? Man ist nicht Herr seiner Zeit.

Meine Stiefnichte schrieb mir:

Es habe in Bozen sogar geschneit.

Quelle:
Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 1: Gedichte, Zürich 1994, S. 305-306.
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