Festlied zur Gründungsfeier der Universität Straßburg

[74] 1. und 2. Mai 1872.


Heut trennt unser minniglich Sehnen

Kein deutscher, kein gallischer Rhein,

Wir ziehen gleich Lohengrins Schwänen

Maifröhlich in »Strazzeburc« ein;

Der Hochschulen jungjüngste Schwester

Sei als bräutliches Ziel uns ersehn:

Sie steht noch im ersten Semester,

Drum ist sie auch jung noch und schön.


Wo Gottfried den Tristan gesungen,

Wo Erwin sein Münster erbaut,

Wo Gutenbergs Kunst sich erschwungen,

Da ist uns der Boden vertraut.

Was sonst noch zu Argentoratum

Einst Römer – und andre gemacht,

Dem sei als entschwundenem Fatum

Ein sühnend Glas Lethe gebracht!


»Es konnt' ja nicht immer so bleiben

Hier unter dem wechselnden Mond«,

So würde Schöpflinus jetzt schreiben,

Der als Jubelgreis einst hier gewohnt;

Doch wenn unter pflegenden Händen

Die Wissenschaft stolz erst floriert,[74]

So wird durch die deutschen Studenten

Alsatia »neu illustriert«.


Was schaust du noch trauernd nach Westen,

Elsässischer Landsmann und Freund?

Du zählst ja schon heut zu den Besten,

Die unsre Matrikel vereint.

Bedenk', was die Reben all' wollen

Von Wolxheim hinauf bis nach Thann:

Der Wein reift fürwahr nicht zum Schmollen,

Der reift zum Schmollieren heran!


Wir gründen ein kerngesund Wesen

Und scheiden erst, wenn uns als Trost

Das sämtliche Moos der Vogesen

Die eigenen Häupter bemoost.

Stoßt an drum: Neustraßburg soll leben,

Soll wachsen und kraftvoll gedeihn,

Als Straße für geistfrisches Streben,

Als Burg der Weisheit am Rhein!

Quelle:
Joseph Viktor von Scheffel: Kritische Ausgabe in 4 Bänden, Band 1, Leipzig/ Wien 1917, S. 74-75.
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