[427] Ebendaselbst.
Der Befehlshaber und einige Bürger auf den Mauern; die englischen Truppen unten. König Heinrich und sein Zug treten auf.
KÖNIG HEINRICH.
Was hat der Hauptmann dieser Stadt beschlossen?
Wir lassen kein Gespräch nach diesem zu:
Darum ergebt euch unsrer besten Gnade,
Sonst ruft, wie Menschen, auf Vernichtung stolz,
Uns auf zum Ärgsten; denn, so wahr ich ein Soldat
(Ein Nam', der, denk' ich, mir am besten ziemt),
Fang' ich noch einmal das Beschießen an,
So lass' ich nicht das halb zerstörte Harfleur,
Bis es in seiner Asche liegt begraben.
Der Gnade Pforten will ich alle schließen,
Der eingefleischte Krieger rauhes Herzens
Soll schwärmen, sein Gewissen höllenweit,
In Freiheit blut'ger Hand und mähn wie Gras
Die holden Jungfrau 'n und die blüh'nden Kinder.[427]
Was ist es mir denn, wenn ruchloser Krieg,
Im Flammenschmucke, wie der Bösen Fürst,
Beschmiert im Antlitz, alle grausen Taten
Der Plünderung und der Verheerung übt?
Was ist es mir, wenn ihr es selbst verschuldet,
Daß eure reinen Jungfrau'n in die Hand
Der zwingenden und glüh'nden Notzucht fallen?
Was für ein Zügel hält die freche Bosheit,
Wenn sie bergab in wildem Laufe stürmt?
So fruchtlos wendet unser eitles Wort
Beim Plündern sich an die ergrimmten Krieger,
Als man dem Leviathan anbeföhle,
Ans Land zu kommen. Darum, ihr von Harfleur,
Habt Mitleid mit der Stadt und eurem Volk,
Weil noch mein Heer mir zu Gebote steht,
Weil noch der kühle, sanfte Wind der Gnade
Das ekle, giftige Gewölk verweht
Von starrem Morde, Raub und Büberei.
Wo nicht, erwartet augenblicks besudelt
Zu sehn vom blinden blutigen Soldaten
Die Locken eurer gellend schrei'nden Töchter;
Am Silberbart ergriffen eure Väter,
Ihr würdig Haupt geschmettert an die Wand;
Gespießt auf Piken eure nackten Kinder,
Indes der Mütter rasendes Geheul
Die Wolken teilt, wie dort der jüd'schen Weiber
Bei der Herodes-Knechte blut'ger Jagd.
Was sagt ihr? Gebt ihr nach und wollt dies meiden?
Wo nicht, durch Widerstand das Ärgste leiden?
BEFEHLSHABER.
An diesem Tage endet unsre Hoffnung.
Der Dauphin, den um Hülfe wir ersucht,
Erwidert, zu so wichtigem Ersatz
Sei er noch nicht bereit. Drum, großer König,
Ergeben wir die Stadt und unser Leben
In deine milde Gnade; zieh herein,
Schalt' über uns und was nur unser ist,
Denn wir sind nun nicht länger haltbar mehr.[428]
KÖNIG HEINRICH.
Öffnet die Tore! – Oheim Exeter,
Geht und besetzet Harfleur; bleibt daselbst,
Befestigt stark es gegen die Franzosen,
Seid allen gnädig. – Wir, mein teurer Oheim,
Da sich der Winter naht und Krankheit zunimmt
In unserm Heer, ziehn nach Calais zurück.
Heut nacht sind wir in Harfleur Euer Gast,
Auf morgen schon sind wir zum Marsch gefaßt.
Trompetenstoß. Der König, sein Gefolge und Truppen ziehn in die Stadt.
Ausgewählte Ausgaben von
König Heinrich V.
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