VII

[122] Inzwischen sollte von der Front her eine andere Kolonne auf die Franzosen losgehen; aber bei dieser Kolonne befand sich Kutusow. Er wußte ganz genau, daß bei dieser gegen seinen Willen unternommenen Schlacht nichts als Konfusion herauskommen werde, und hielt, soweit das in seiner Macht lag, die Truppen zurück. Er rückte nicht vor.

Schweigend ritt er auf seinem grauen Pferdchen umher und antwortete lässig auf die Vorschläge zum Angreifen.

»Ja, das Wort ›Angreifen‹ führt ihr immer im Mund; aber ihr seht nicht ein, daß wir uns gar nicht darauf verstehen, komplizierte Manöver auszuführen«, sagte er zu Miloradowitsch, der ihn um die Erlaubnis bat, vorrücken zu dürfen.

»Wir haben es heute morgen nicht verstanden, Murat lebendig gefangenzunehmen und zur rechten Zeit am Platz zu sein; jetzt ist nichts mehr zu machen!« antwortete er einem andern.

Als ihm gemeldet wurde, daß im Rücken der Franzosen, wo nach den Berichten der Kosaken vorher niemand gewesen war, jetzt zwei Bataillone Polen ständen, schielte er nach rückwärts zu Jermolow hin, mit dem er seit dem gestrigen Tag noch nicht gesprochen hatte.

»Na ja, sie verlangen die Erlaubnis zum Angriff und legen mir allerlei Projekte vor; aber wenn man losschlagen will, dann ist nichts bereit, und der gewarnte Feind trifft seine Maßnahmen.«

Jermolow kniff die Augen zusammen und lächelte leise, als er diese Worte hörte. Er merkte, daß für ihn das Gewitter vorbeigezogen war und daß Kutusow es mit dieser Anspielung genug sein lassen werde.

»Da macht er sich auf meine Kosten lustig«, sagte Jermolow[123] leise und stieß mit dem Knie den neben ihm haltenden Rajewski an.

Bald darauf ritt Jermolow vor zu Kutusow und meldete respektvoll:

»Wir haben noch nicht den richtigen Augenblick verpaßt, Euer Durchlaucht; der Feind ist nicht abgezogen – wenn Sie den Angriff befehlen. Sonst wird die Garde heute nicht einmal den Pulverrauch zu sehen bekommen.«

Kutusow sagte nichts; aber als ihm gemeldet wurde, daß Murats Truppen zurückwichen, befahl er, vorzurücken, machte jedoch nach je hundert Schritten dreiviertel Stunden lang halt.

Die ganze Schlacht bestand nur in dem, was Orlow-Denisows Kosaken getan hatten; die übrigen Truppen hatten nur nutzlos mehrere hundert Mann verloren.

Infolge dieser Schlacht erhielt Kutusow einen Orden mit Brillanten, Bennigsen ebenfalls Brillanten und hunderttausend Rubel; auch den andern wurden ihrem Rang entsprechende Belohnungen zuteil, und nach dieser Schlacht wurden noch weitere Personalveränderungen im Stab vorgenommen.

»Da haben wir's; es ist eben gegangen, wie es bei uns immer geht: alles verkehrt!« sagten nach der Schlacht bei Tarutino die russischen Offiziere und Generale, geradeso wie es sie auch heutzutage sagen und damit meinen, daß da irgendein Dummkopf verkehrt handelt und sie selbst es ganz anders machen würden. Aber die Leute, die so reden, verstehen entweder nichts von der Sache, über die sie sprechen, oder sie täuschen sich selbst absichtlich. Jede Schlacht (die bei Tarutino, die bei Borodino, die bei Austerlitz, kurz jede) vollzieht sich nicht so, wie das ihre Planer vorausgesetzt haben. Das liegt in der Natur der Dinge.

Eine unzählige Menge freier Kräfte (denn nirgends ist der Mensch freier als bei einer Schlacht, wo es sich um Leben und[124] Tod handelt) wirkt auf den Gang einer Schlacht ein, und dieser Gang kann nie im voraus bekannt sein und fällt nie mit der Richtung irgendeiner einzelnen Kraft zusammen.

Wenn viele Kräfte gleichzeitig und nach verschiedenen Richtungen auf irgendeinen Körper einwirken, so kann die Richtung der Bewegung dieses Körpers nicht mit einer einzelnen dieser Kräfte zusammenfallen, sondern sie wird immer die mittlere kürzeste Richtung sein, das, was man in der Mechanik die Diagonale des Parallelogramms der Kräfte nennt.

Wenn wir in den Darstellungen der Historiker, namentlich der französischen, finden, daß bei ihnen Kriege und Schlachten sich nach einem im voraus festgesetzten Plan abspielen, so ist der einzige Schluß, den wir daraus ziehen können, der, daß diese Darstellungen falsch sind.

Die Schlacht bei Tarutino erreichte offenbar nicht das Ziel, welches Toll im Auge hatte: die Truppen ordnungsmäßig nach der vorher entworfenen Disposition kämpfen zu lassen, auch nicht das Ziel, welches Graf Orlow haben konnte: Murat gefangenzunehmen, oder das Ziel, welches Bennigsen und andere Persönlichkeiten haben konnten: eine sofortige Vernichtung des ganzen Korps, oder das Ziel des Offiziers, der in den Kampf zu kommen und sich auszuzeichnen wünschte, oder das des Kosaken, der noch mehr Beute machen wollte, als ihm zu machen gelungen war, usw. Aber wenn das Ziel in dem bestand, was sich in der Folge wirklich vollzog und was damals der gemeinsame Wunsch aller Russen war, in der Vertreibung der Franzosen aus Rußland und der Vernichtung ihrer Armee, dann muß es einem jeden völlig ein leuchtend sein, daß die Schlacht bei Tarutino gerade infolge ihres programmwidrigen Verlaufs genau das war, was in dieser Periode des Feldzuges erfordert wurde. Es ist schwer oder vielmehr unmöglich, irgendeinen Ausgang dieser Schlacht zu ersinnen,[125] der zweckentsprechender gewesen wäre als derjenige, den sie in Wirklichkeit gehabt hat. Bei einer minimalen Anstrengung, trotz der größten Verwirrung und bei ganz unbedeutendem Verlust wurden die größten Resultate im ganzen Feldzug erzielt, wurde der Übergang vom Rückzug zum Angriff ermöglicht, die Schwäche der Franzosen aufgedeckt und jener Anstoß gegeben, auf den das napoleonische Heer nur wartete, um seine Flucht zu beginnen.

Quelle:
Tolstoj, Lev Nikolaevic: Krieg und Frieden. 4 Bde., Leipzig 1922, Band 4, S. 122-126.
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