VII

[139] Als Boris und Anna Pawlowna wieder zu dem allgemeinen Kreis zurückkehrten, unternahm es dort gerade Fürst Ippolit, etwas zur Unterhaltung beizusteuern.

Er bog sich aus seinem Lehnsessel hinaus nach vorn, sagte: »Le roi de Prusse« und brach dann in ein Gelächter aus. Alle wandten sich zu ihm hin.

»Le roi de Prusse?« wiederholte Ippolit noch einmal im Ton der Frage, lachte wieder auf und setzte sich wieder mit ruhiger, ernster Miene in den Fond des Sessels zurück. Anna Pawlowna wartete ein Weilchen, was er weiter sagen würde; aber da Ippolit absolut nichts hinzufügen zu wollen schien, so fing sie an davon zu sprechen, wie der gottlose Bonaparte in Potsdam den Degen Friedrichs des Großen entwendet habe.

»›Es ist der Degen Friedrichs des Großen, den ich ...‹«, begann sie die Worte Napoleons zu zitieren; aber Ippolit unterbrach sie, indem er zum drittenmal sagte:

»Le roi de Prusse ...« Und dann, sowie die andern sich zu ihm wandten, machte er eine Miene, als ob er um Entschuldigung bäte, und verstummte wieder.

Anna Pawlowna runzelte die Stirn. Mortemart, Ippolits Freund, fragte ihn in entschiedenem Ton:

»Nun also, was ist denn mit dem König von Preußen?«

Ippolit lachte, schien sich aber seines Lachens selbst zu schämen.[139]

»Ach, gar nichts; ich wollte nur sagen ...« (Er beabsichtigte, einen Scherz vorzutragen, den er in Wien gehört hatte und den er den ganzen Abend über anzubringen versucht hatte.) »Ich wollte nur sagen, daß es von uns eine Torheit ist, Krieg zu führen pour le roi de Prusse.«

Boris lächelte vorsichtig, so daß sein Lächeln als Ironie oder als Beifallsäußerung für den Witz aufgefaßt werden konnte, je nach der Aufnahme, die der Witz finden werde. Alle lachten.

»Ihr Wortspiel ist sehr schlecht, zwar sehr geistreich, aber ungerecht«, bemerkte Anna Pawlowna und drohte dem Fürsten Ippolit mit ihrem runzligen Finger. »Wir führen nicht Krieg für den König von Preußen, sondern für die Prinzipien der Ordnung und der Gerechtigkeit. Ach, was dieser Fürst Ippolit für ein böser, böser Mensch ist!«

Das Gespräch verstummte den ganzen Abend hindurch keinen Augenblick und drehte sich vorwiegend um Neuigkeiten der Politik. Gegen Ende des Zusammenseins wurde es ganz besonders lebhaft, als man auf die vom Kaiser verliehenen Belohnungen zu sprechen kam.

»Im vorigen Jahr hat doch N.N. eine Tabatiere mit dem Porträt des Kaisers erhalten«, sagte der Mann mit dem tiefen Geist. »Warum sollte S.S. nicht dieselbe Belohnung bekommen können?«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte der andere Diplomat. »Eine Tabatiere mit dem Porträt des Kaisers ist eben eine Belohnung, aber nicht eine Auszeichnung; man könnte eher sagen: ein Geschenk.«

»Es hat aber doch Präzedenzfälle gegeben; ich möchte auf Schwarzenberg verweisen.«

»Nein, es ist unmöglich«, erwiderte der andere.[140]

»Wollen wir wetten? Der Großkordon, das wäre ja etwas ganz anderes ...«

Als sich alle erhoben, um sich zu empfehlen, wandte sich Helene, die den ganzen Abend nur wenig gesprochen hatte, wieder mit derselben Bitte an Boris; sie forderte ihn freundlich und bedeutsam auf, sie am Dienstag zu besuchen.

»Es liegt mir sehr viel daran«, sagte sie lächelnd und blickte dabei Anna Pawlowna an, und diese unterstützte Helenes Wunsch, wobei sie dasselbe trübe Lächeln zeigte, mit welchem sie ihre Worte zu begleiten pflegte, wenn sie von ihrer hohen Gönnerin sprach.

Es schien, als ob an diesem Abend Helene aus einigen Äußerungen, die Boris über das preußische Heer getan hatte, plötzlich die Notwendigkeit erkannt hätte, mit ihm bekanntzuwerden. Sie versprach ihm gewissermaßen, ihm diese Notwendigkeit zu erklären, wenn er am Dienstag zu ihr käme.

Als jedoch Boris am Dienstag abend in Helenes prächtigem Salon erschien, erhielt er keine deutliche Erklärung darüber, warum sein Besuch eigentlich so notwendig gewesen war. Es waren noch andere Gäste da; die Gräfin redete nur wenig mit ihm, und erst beim Abschied, als er ihr die Hand küßte, flüsterte sie ihm plötzlich, und zwar merkwürdigerweise ohne das gewöhnliche Lächeln, zu: »Kommen Sie morgen abend ... zum Diner. Sie müssen kommen ... Kommen Sie.«

Während dieses seines Aufenthalts in Petersburg wurde Boris Hausfreund bei der Gräfin Besuchowa.

Quelle:
Tolstoj, Lev Nikolaevic: Krieg und Frieden. 4 Bde., Leipzig 1922, Band 2, S. 139-141.
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