XII

[244] Lange saß Prinzessin Marja in dieser Nacht in ihrem Zimmer am offenen Fenster und hörte das laute Reden der Bauern, von dem einzelne Laute aus dem Dorf herüberklangen; aber sie dachte nicht an die Bauern. Sie fühlte, daß, soviel sie auch über die Bauern nachdenken mochte, sie doch zu keinem Verständnis dieser Menschen kommen werde. Sie dachte jetzt immer nur an eines: an ihr Leid, das jetzt nach der Unterbrechung, die durch die Sorge um die Gegenwart herbeigeführt war, für sie schon ein Stück der Vergangenheit geworden war. Sie vermochte jetzt schon daran zurückzudenken, zu weinen und zu beten. Mit Sonnenuntergang hatte sich der Wind gelegt. Die Nacht war still und frisch. Kurz vor Mitternacht verstummten auch die Gespräche der Bauern; ein Hahn krähte; hinter den Linden stieg der Vollmond herauf; ein frischer, weißer Nebeltau erhob sich, und im Dorf sowie im Herrenhaus herrschte tiefe Stille.

Bilder aus der letzten Vergangenheit traten ihr eines nach dem andern vor die Seele: Bilder aus der Krankheit ihres Vaters[244] und von seinen letzten Augenblicken. Und mit einer Art von wehmütiger Freude verweilte sie jetzt bei diesen Vorstellungen und wehrte nur das ein letzte Bild mit Grauen von sich ab, das Bild seines Todes, das auch nur mit der Einbildungskraft in dieser stillen, geheimnisvollen Stunde der Nacht anzuschauen sie sich unfähig fühlte. Und diese Bilder stellten sich ihr in solcher Klarheit und so mit allen Einzelheiten ausgestattet dar, daß sie ihr bald als Wirklichkeit, bald als Vergangenheit, bald als Zukunft erschienen.

Einmal tauchte deutlich in ihrer Erinnerung der Augenblick auf, als ihn der Schlag gerührt hatte und die Männer, die ihn unter die Arme gefaßt hatten, ihn aus dem Garten von Lysyje-Gory herausschleppten und er mit kraftloser Zunge etwas murmelte und mit den grauen Augenbrauen zuckte und sie unruhig und schüchtern ansah.

»Er hat mir schon damals das sagen wollen, was er mir an seinem Todestag gesagt: hat«, dachte sie. »Die ganze Zeit über hat er das im Sinn gehabt, was er mir nachher ausgesprochen hat.« Und da kam ihr mit allen Einzelheiten jene Nacht in Lysyje-Gory ins Gedächtnis, am Tag vor dem Schlaganfall, jene Nacht, wo sie, ein Unheil ahnend, gegen seinen Willen bei ihm geblieben war. Sie hatte nicht schlafen können, war in der Nacht auf den Zehen nach unten gegangen, hatte sich der Tür nach dem Blumenzimmer genähert, in welchem für diese Nacht das Bett ihres Vaters aufgeschlagen war, und hatte auf seine Stimme gelauscht. Er hatte in mattem, müdem Ton mit Tichon gesprochen. Von der Krim hatte er etwas gesagt und von den warmen Nächten und von der Kaiserin. Es war ihm offenbar Bedürfnis gewesen, etwas zu reden. »Warum hat er mich nicht rufen lassen? Warum hat er mir nicht erlaubt, Tichons Stelle einzunehmen?« hatte Prinzessin Marja damals gedacht und dachte sie auch jetzt. »Nun[245] wird er zu niemandem jemals mehr all das aussprechen, womit sich seine Seele beschäftigte. Nun wird niemals mehr für ihn und für mich der Augenblick wiederkehren, wo er mir, und nicht dem alten Kammerdiener, alles, was er wollte, hätte sagen können und ich ihn gehört und verstanden hätte. Warum bin ich damals nicht in sein Zimmer hineingegangen?« dachte sie. »Vielleicht hätte er mir schon damals das gesagt, was er mir nachher an seinem Todestag gesagt hat. Auch damals, in dem Gespräch mit Tichon, hat er zweimal nach mir gefragt. Er wünschte mich zu sehen, und ich stand dort hinter der Tür. Es war für ihn etwas Peinliches, Trauriges, mit Tichon zu reden, der ihn nicht verstand. Ich erinnere mich, daß er mit ihm von Lisa wie von einer Lebenden zu reden anfing (er hatte vergessen, daß sie gestorben war) und Tichon ihn daran erinnerte, daß sie gestorben sei, und er dann schrie: ›Dummkopf!‹ Es war ihm peinlich. Ich hörte hinter der Tür, wie er sich ächzend auf das Bett legte und laut rief: ›Mein Gott!‹ Warum bin ich damals nicht hineingegangen? Was hätte er mir tun können? Was hatte ich zu verlieren? Vielleicht wäre er schon damals freundlich geworden und hätte dieses Wort zu mir gesagt.« Und Prinzessin Marja sprach laut das Kosewort aus, das er an seinem Todestag zu ihr gesagt hatte: »Mein Liebling!« Sie wiederholte das Wort mehrere Male und brach in Tränen aus, die ihr das Herz erleichterten. Sie sah jetzt sein Gesicht vor sich. Es war nicht das Gesicht, daß sie gekannt hatte, solange sie sich erinnern konnte, und das sie immer nur von weitem gesehen hatte, sondern jenes schüchterne, schwache Gesicht, das sie zum erstenmal mit all seinen Runzeln und kleinen Einzelheiten erblickt hatte, als sie sich zu seinem Mund niederbeugte, um zu hören, was er sagte.

»Mein Liebling!« wiederholte sie.

»Was hat er gedacht, als er dieses Wort sprach? Und was mag[246] er jetzt denken?« Diese Frage kam ihr plötzlich in den Sinn, und gleichsam als Antwort darauf sah sie ihn vor sich mit dem Ausdruck, den sein mit dem weißen Tuch umbundenes Gesicht im Sarg getragen hatte. Und jener Schreck, der sie damals gepackt hatte, als sie ihn berührte und inneward, daß das nicht mehr er war, sondern etwas Geheimnisvolles, Abstoßendes, dieser Schreck ergriff sie auch jetzt. Sie wollte an etwas anderes denken, wollte beten; aber sie vermochte nichts davon zu tun. Mit großen, weitgeöffneten Augen blickte sie nach dem Mondlicht und den Schatten und erwartete jeden Augenblick, sein totes Gesicht zu sehen, und fühlte sich von der Stille, die um das Haus und im Haus herrschte, gleichsam in Fesseln geschmiedet.

»Dunjascha!« flüsterte sie. »Dunjascha!« schrie sie dann laut mit wilder Stimme und stürzte, sich aus dem Bann dieser Stille losreißend, nach dem Mädchenzimmer hin, wo ihr die Kinderfrau und die Stubenmädchen erschrocken entgegengelaufen kamen.

Quelle:
Tolstoj, Lev Nikolaevic: Krieg und Frieden. 4 Bde., Leipzig 1922, Band 3, S. 244-247.
Lizenz:
Kategorien: