Das Goldstück

[523] Hier an dieser öden Stätte

Will ich rasten, bis es tagt;

Welker Rasen ist ein Bette,

Wie's mir eben recht behagt.

Neben mir die Wogen brausen,

Über mir die Wolken sausen,

Keiner milden Stimme Klang

Tönt den düstren Hag entlang.


Alles habt ihr mir genommen,

Was ihr mir gegeben habt;

Nackend bin ich hergekommen,

Nackend bin ich hingetrabt,

Ohne Strümpfe, Stiefel, Hosen –

Meines Lebens lichte Rosen,

Meiner Jugend muntrer Sinn,

Alles, alles ist dahin.


Ob es schon ein Ziel mir setzte,

Zu erforschen vom Geschick,

Werf ich in die Luft dies letzte

Blanke goldgeprägte Stück,

Daß es, auf des Kopfes Seite

Fallend meinen Tod bedeute;

Wenn das Bild gen Himmel schaut,

Sei noch bessrer Zeit vertraut.


Und es steigt, es fällt, es klingelt,

Sieh, zum Himmel starrt die Zahl!

Mein erbebend Herz umzingelt

Todesangst zum letztenmal. –

Eingedenk der Abschiedsflasche

Steck ich's schweigend in die Tasche;

Ihre Dauer sei mein Maß,

Eins des andern Stundenglas.[523]


Spät am Tage schlendr ich weiter

In der Sonne fahlem Glanz.

Such dir rüstigern Begleiter,

Wandrer du im Efeukranz!

Vieles möchtest du versäumen,

Ich darf rasten, ich darf träumen;

Was das Schicksal mir verspricht,

Jüngling, das enteilt mir nicht.[524]


Quelle:
Frank Wedekind: Werke in drei Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 1969, S. 523-525.
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Die vier Jahreszeiten
Die vier Jahreszeiten: Gedichte (insel taschenbuch)