Kleinspecht (Picus minor)

[482] Der dritte in ganz Deutschland, wenn auch nicht allerorten, regelmäßig vorkommende Buntspecht ist der Kleinspecht oder Gras-, Sperlings- oder Harlekinspecht, kleiner Baumhacker, Baumpicker, Schild-, Bunt- oder Rothspecht (Picus minor, hortorum, striolatus, herbarum und Ledoucii, Pipripicus minor, Piculus minor, hortorum, crassirostris, pumilus und borealis, Xylocopus minor, Bild S. 474), der Zwerg unter unseren europäischen Spechten und eines der kleinsten Mitglieder seiner Familie überhaupt. Der Vorderkopf ist rostweißlich, der Scheitel hoch scharlachroth; Hinterkopf, ein schmaler Längsstrich am Hinterhalse, ein vom Schnabel bis hinter und unter die [482] Ohrgegend verlaufender, nach rückwärts sich verbreiternder Streifen und alle übrigen Obertheile haben schwarze, die hinteren Manteltheile, Schultern und die obere Bürzelgegend weiße Grundfärbung, werden aber durch drei bis vier schwarze Querbinden gezeichnet; Zügel, Schläfe, Kropf und Halsseiten sowie die Untertheile sind unrein weiß, die Kropffedern durch größere, die der Brustseiten durch sehr schmale Schaftstriche, die unteren Schwanzdecken durch schwarze Querbänder geschmückt, die schwarzen Handschwingen außen mit vier bis fünf kleinen, die Armschwingen mit zwei weißen breiten Querflec ken, die größten oberen Flügeldecken und Armschwingen am Ende mit breiten weißen Spitzen geziert, so daß sich auf dem zusammengelegten Flügel fünf weiße Querbinden darstellen, die äußersten Schwanzfedern endlich auf weißem Grunde mit drei schwarzen Querbinden gezeichnet, wogegen die zweite nur an der Außenfahne und in der Endhälfte der inneren weiß ist, hier aber schwarze Querbinden zeigt und bei der dritten das Weiß sich auf die Spitze beschränkt. Das Auge ist roth, der Schnabel bläulich hornschwarz, der Fuß bleigrau. Dem Weibchen fehlt das Roth auf dem Scheitel, welcher wie der Vorderkopf bräunlich weiß ist. Junge Vögel unterscheiden sich von der Mutter durch die schmutzig rostbräunlich weiße Unterseite und zeichnen sich dadurch besonders aus, daß nicht allein die Männchen, sondern auch die Weibchen eine rothe Kopfplatte zeigen. Bei dem jungen Männchen ist der karminrothe Fleck größer als bei dem jungen Weibchen, bei letzerem auch weniger leuchtend. Von Woche zu Woche wird bei diesem das Roth kleiner, und in ungefähr vier Wochen ist es gänzlich verschwunden; bei dem jungen Männchen dagegen bleibt es unverändert. Die Länge beträgt sechzehn, die Breite dreißig, die Fittiglänge sieben, die Schwanzlänge sechs Centimeter.

Das Verbreitungsgebiet des Kleinspechtes dehnt sich mindestens ebenso weit aus wie das des Bunt spechtes. Denn jener bewohnt ganz Europa von Lappland an bis zum äußersten Süden und ebenso Mittelasien bis ins Amurland, findet sich auch, abweichend vom Buntspechte, noch in den Waldungen Nordwestafrikas. Einzelne Naturforscher sehen zwar den in Ostsibirien lebenden Kleinspecht als besondere Art an, weil das Weiß auf dem Rücken ausgedehnter zu sein pflegt als bei den bei uns lebenden Stücken; dies aber bezieht sich auf alle sibirischen Vögel insgemein und berechtigt schwerlich zu einer Trennung dieser und jener Kleinspechte. Der beliebteste Wohnbaum des Vogels ist die Weide. Demgemäß bewohnt er alle Gegenden, in denen dieser Baum vorkommt, in besonderer Häufigkeit Strominseln, welche mit Weiden bestanden sind. Schon Radde bemerkt für Ostsibirien, daß der Kleinspecht die Hochwaldungen meidet, junge und Stangenhölzer ihnen bevorzugt, Eschengehölze und Pappelbestände vornehmlich liebt, nicht weniger aber die mit Weiden stark bewachsenen Inseln der Ströme bevölkert, und Elwes sagt ganz in Uebereinstimmung hiermit, daß er der gemeinste Specht Macedoniens sei und in sumpfigen Waldungen von Ellern und Weiden häufiger als in allen übrigen auftritt. Wir fanden diese Angaben auf unserer Reise nach Westsibirien in vollstem Umfange bestätigt. Da, wo der gewaltige Ob sich in unendliche Arme theilt und mit diesen mehr oder minder große, mit älteren und jungen Weiden bestandene Inseln bildet, tritt der Kleinspecht häufiger als jeder andere auf und darf stellenweise thatsächlich zu den gemeinen Vögeln gezählt werden. In der That entsprechen Weiden und sonstige weichholzige Bäume am besten seinen schwachen Kräften, und wenn er auch in anderen, namentlich Buchen, ebenfalls seine Nisthöhle anlegt, geschieht dies doch nur dann, wenn stark vermorschte Stämme oder Aeste solches ihm gestatten. Hierdurch erklärt sich sein vereinzeltes Vorkommen in Europa. In Deutschland ist er in ebenen Gegenden, welche reich an Weiden und Buchen sind, eine gewöhnliche Erscheinung, entzieht sich aber meist dem Auge des Beobachters. Oberförster Seeling wurde, wie Eugen von Homeyer mir erzählt, von einem Freunde gebeten, ihm Kleinspechte zu senden. Der Forstmann hatte bis dahin in seinem aus Buchen, Eichen und Kiefern gemischten Forste den Vogel nur einzeln gesehen und daher für sehr selten gehalten, gab aber nunmehr, um den Wunsch des Freundes zu erfüllen, den ihm unterstellten Forstbeamten Auftrag, auf den Specht und seine Nester zu achten. Infolge dessen wurden ihm binnen zwei Tagen zwanzig Kleinspechte eingeliefert. So mag es auch in anderen ausgedehnten Waldungen [483] der norddeutschen Ebene sein. Im Gebirge dagegen tritt der Kleinspecht stets selten auf. Auch er ist mehr Stand- als Strichvogel. Da, wo er überhaupt brütend gefunden wird, trifft man ihn während des ganzen Jahres an; aber es kommt doch vor, daß er von den Ebenen aus den Fuß der Mittelgebirge zeitweilig besucht, also streicht. Dies geschieht regelmäßig in den Herbst- und Frühlingsmonaten, vom September und Oktober an bis zum April. Den reinen Nadelwald verschmäht er gänzlich; auch bei seinen Streifereien sucht er immer die Laubbäume auf. Er erwirbt sich ein bestimmtes Gebiet und durchstreift dasselbe täglich mehrere Male: dies wird namentlich im Winter bemerklich, wenn das Laub ihn weniger versteckt als sonst. Der Mittelpunkt seines Gebietes wird durch eine passende Höhlung bestimmt, weil auch er in einer solchen die Nacht zubringt. Deshalb meidet er auf seinem Zuge gänzlich diejenigen Gegenden, denen es an geeigneten Schlupfwinkeln fehlt. Nach Naumann sieht er sich oft genöthigt, Meisen und Feldsperlinge, welche derartige Nachtherbergen ebenso bequem finden als er, mit Gewalt aus dem Kämmerchen zu vertreiben; denn da er später zu Bette geht als jene, findet er das Schlafkämmerchen oft schon besetzt und erringt sich dann niemals ohne Kampf den Einlaß. Es scheint, daß er, des heftigen Streites um die Höhlen wegen, zuweilen sogar genöthigt ist, den Besitz derselben aufzugeben und sich neue anzulegen.

Dieser niedliche Specht ist, wie Neumann sehr richtig sagt, einer der muntersten und gewandtesten seiner Gattung. Mit großer Leichtigkeit hüpft er an den Baumschäften hinan, umkreist sie, klettert auch kleine Strecken rückwärts, doch den Kopf stets nach oben und läuft selbst bis auf die fingerstarke Spitze der Zweige hinaus oder sogar auf der unteren Seite fast wagerechter Zacken entlang. Er pickt und hämmert viel an den Bäumen und ist im Zimmern der Löcher zu Schlafstellen oder Nestern ebenso geschickt wie die größeren Arten, sucht sich dazu jedoch immer weiche Stellen aus. Auf alten Eichen legt er solche nicht selten auf der unteren Seite sehr schiefer oder beinahe wagerechter Hornzacken an. Zuweilen setzt er sich auf dünne Zweige in die Quere wie andere Vögel, hält sich aber dann nicht so aufrecht und zieht dabei die Füße an den Leib. Gegen seinesgleichen ist er ebenso futterneidisch und zänkisch wie die übrigen Spechte, weshalb man ihn außer der Fortpflanzungszeit auch immer nur einzeln antrifft. In seinem Gefolge sieht man ebenfalls sehr oft Kleiber, Meisen, Baumläufer und Goldhähnchen, welche mit ihm herumziehen, aber nicht weiter von ihm beachtet werden. Gegen den Menschen zeigt er sich zutraulich, läßt diesen wenigstens nahe an sich herankommen, bevor er weiterhüpft oder wegfliegt. Seine Stimme läßt sich durch die Silbe »Kik« oder »Kgiik« ausdrücken; der Ton ist hoch, schwach und fein und wird lang gezogen. Zuweilen wiederholt er den einen Laut mehrmals nach einander; namentlich geschieht dies beim Anhängen an einen Baum, nachdem er eine Strecke fliegend zurückgelegt hat. Er schreit viel, besonders bei heiterem Wetter, am meisten natürlich im Frühlinge während der Paarungszeit. Das Männchen schnurrt wie andere Spechte, aber viel schwächer und in höherem Tone als die größeren Verwandten.

Während der Begattungszeit, welche Anfang Mai beginnt, macht sich der Kleinspecht durch Unruhe, beständiges Rufen und Schnurren sehr bemerklich, und da, wo er häufig ist, gibt es auch lebhaften Streit zwischen Nebenbuhlern, welche um die Gunst eines Weibchens werben, oder zwischen zwei Paaren, welche um die Nisthöhle kämpfen. Diese wird regelmäßig in bedeutender Höhe über dem Boden angelegt, am liebsten in alten, hohen Weiden, Espen, Pappeln, Buchen, im Nothfalle auch Eichen, sonst noch in Garten- und Obstbäumen; in Pommern, laut Eugen von Homeyer, stets in Buchen, welche am Rande von Lichtungen stehen und, zum Theil wenigstens, nicht allein dürr, sondern auch vermorscht und vermulmt sind. Ihr Bau mag dem kleinen schwachen Gesellen viel Mühe verursachen, und deshalb wählt er vorzugsweise Stellen, wo ein alter Ast ausgebrochen und das Innere, infolge der eindringenden Feuchtigkeit, faul geworden ist. Der Eingang befindet sich meist in einer Höhe von funfzehn bis zwanzig und nur ausnahmsweise in einer solchen von anderthalb bis zehn Meter über dem Boden, ist zirkelrund, als ob er mit einem Bohrer ausgedreht worden wäre, hat höchstens vier Centimeter im Durchmesser und führt in einen Brutraum von zehn bis zwölf Centimeter Weite und funfzehn bis achtzehn Centimeter Tiefe. Auch der Kleinspecht [484] fängt viele Nistlöcher an, ohne sie zu vollenden, und erschwert dadurch das Auffinden derjenigen, welche wirklich zum Brüten benutzt werden. Um diese kennen zu lernen, muß man, nach Päßlers Erfahrungen, beobachten, wohin das sorgsame Männchen fliegt, um sein brütendes Weibchen zu füttern. Das Gelege besteht aus fünf bis sieben kleinen glänzend weißen, zuweilen auch mit äußerst feinen, rothen Pünktchen spärlich bezeichneten Eiern. Beide Gatten brüten wechselweise, zeitigen die Eier innerhalb vierzehn Tagen und übernehmen gemeinschaftlich die Aufzucht der Jungen.

Die Nahrung des Kleinspechtes schient bloß aus Kerbthieren zu bestehen; denn man findet auch im Herbste und Winter nichts anderes in seinem Magen. Nach Walters eingehenden Beobachtungen frißt er im Freien nur Kerbthierlarven, Maden und andere weiche thierische Stoffe, verschmäht dagegen Fliegen und Käfer, ja sogar alle diejenigen Ameisenpuppen, in denen die Jungen bereits entwickelt sind. Gerade deshalb wird er so außerordentlich nützlich. »Nicht allein den Waldbäumen«, sagt Naumann, »sondern auch den Obstpflanzungen wird seine Anwesenheit zur wahren Wohlthat. Man sieht ihn beständig an den Bäumen und ihren Aesten picken und beinahe immer fressen, und bei nachheriger Untersuchung findet man den Magen so vollgestopft von allerlei oft winzig kleinen Baumverderbern, daß man darüber erstaunen muß.«

Glücklicherweise ist er der Verfolgungswuth weit weniger ausgesetzt als andere Spechte, weil er sich dem rohen Menschen nicht so bemerklich macht oder rasch aus dem Auge verschwindet und den, welcher ihn kennt, ohnehin zum Freunde hat. Andererseits freilich setzt ihn seine Zutraulichkeit mancher Gefahr aus. Auch er läßt sich durch nachgemachtes Pochen oder Klopfen herbeilocken; doch muß man seine Weise, zu hämmern, verstehen, wenn man auf Erfolg rechnen will: denn nur, wenn man sein Klopfen täuschend nachahmt, kommt er herbei.

Gefangene Kleinspechte sind allerliebste Vögel. Harmlos und zutraulich, munter, regsam, behend und gewandt, füllen sie ihren Platz in jedem Gebauer vortrefflich aus, verlangen aber, wenn sie ihre ganze Eigenart kundgeben sollen, einen Raum, in welchem sie zimmern und meiseln können nach Herzenslust. Wie ich schon in meinen »Gefangenen Vögeln« erwähnt habe, darf man sie ohne Bedenken in Gesellschaft von Meisen und Goldhähnchen halten; denn die kleinen Wichte sind gewiß nicht diejenigen, welche unter eine so gemischte Gesellschaft Unfrieden bringen. Es gewährt einen reizenden Anblick, in solchem Käfige das bekannte Bild aus dem Freileben unserer Waldvögel im kleinen herzustellen. Denn ebenso wie im freien Walde wird hier den niedlichen Gesellen bald die Führung und Leitung der gesammten Mitbewohnerschaft zugestanden. Walter stimmt im Lobe des kletternden Zwerges vollständig mit mir überein. »Der Kleinspecht«, schreibt er mir, »ist ein kluger, immer lustiger, zutraulicher, stets zu Spielereien geneigter Vogel und der Buntspecht im Vergleiche mit ihm ein wahrer Dummkopf. Er übt seine Spielereien in der belustigendsten Weise nicht nur für sich aus, sondern fordert auch seinen Pfleger oft zum Mitspielen auf. Ein Arm- oder Tuchschwenken setzt dann eine ganze Familie in die freudigste Aufregung, so daß sie wohl fünf Minuten lang die lustigsten Schwenkungen ausführt und sich kletternd um den Stamm herum wie Affen jagt. Dann versteckt sich einer mit senkrecht hoch gehobenen Flügeln hinter einem Stamme, wird von einem anderen entdeckt, und nun laufen beide mit senkrecht gehobenen, oben fast zusammentreffenden Flügelspitzen wie tanzend um den Stamm herum, immer sich neckend und verfolgend. Oft habe ich durch Hinzutreten die Vögel zur Ruhe bringen müssen; denn dann kommt sogleich die ganze Familie an das Gitter geflogen und betastet sorgfältig und anhaltend mit ausgestreckter Zunge die an den Käfig gehaltenen Hände.«

Vorstehendes ergänzend, erzählt mir derselbe Beobachter noch nachstehende allerliebste Geschichte. »Um so wohl das Aeußere wie auch die geistigen Eigenschaften dieses Vogels kennen zu lernen, hatte ich fünf schon etwas befiederte Junge aus der Nisthöhle genommen und ihnen einen ebenso weit entwickelten Buntspecht gesellt. Alle sechs fütterte ich mit Ameisenpuppen, welche sie zwar noch nicht vom Boden aufzunehmen verstanden, nach einigen Versuchen jedoch aus einer vor den Schnabel gehaltenen Papierdüte hervorzogen. Nach etwa viertägigem Füttern verließen die fünf [485] Kleinspechte einer nach dem anderen das für sie hergerichtete Nest, kletterten am Baumstamme, den ich für sie in den Käfig gestellt hatte, herum und nahmen nun auch selbst das Futter vom Boden auf. Kaum hatten sie sich bequemt, allein zu fressen, so ergriff einer nach dem anderen eine Ameisenpuppe mit den Schnabel, lief mit derselben zu dem im Neste hockenden Buntspechte und reichte sie ihm. Bevor der fünfte seine Puppe abgegeben hatte, war der erste schon wieder mit einer neuen zur Stelle, und so ging es immer nach der Reihe fort, bis der große Buntspecht nichts mehr aufnahm. Sowie er wieder Hunger hatte, begann das Füttern in derselben Reihenfolge wie vorher. Jeder Kleinspecht gab seine Puppe ab und holte eine neue, bis nach einigen Tagen auch der große Specht allein fressen konnte.

Da ich diese niedlichen Vögel wegen einer in Aussicht stehenden längeren Reise nicht behalten konnte, beschloß ich, ihnen, nachdem ich sie zwei Monate im Käfige gehalten, die Freiheit zu schenken. Ich trug sie in einem kleinem Gebauer nach dem Berliner Thiergarten und setzte sie an einen starken, abseits vom Wege stehenden Eichenstamm, welchen alle fünf sogleich mit dem Schnabel zu bemeiseln begannen. Bald schienen sie auch ganz vertieft in ihre Arbeit zu sein. Sowie ich aber Miene machte, mich zu entfernen, hatte ich einige von ihnen auf Brust und Schulter. Da blieb mir nun nichts anderes übrig, als einen dicht belaubten, starken Zweig abzubrechen und durch Schwenken und Schlagen gegen den Stamm meine zutraulichen Thierchen so lange zu schrecken, bis sie scheu wurden. Hätte ich dies nicht gethan, so wären sie von anderen Leuten ergriffen worden und hätten vielleicht in kurzer Zeit ein trauriges Ende gefunden.« Zwei gefangene Kleinspechte, welche ich pflegte, waren von Freunden für mich aufgezogen und an Ameisenpuppen gewöhnt worden, hielten sich auch so lange vortrefflich, als ich frische Ameisen puppen beschaffen konnte. Dann aber starben beide rasch nach einander, ohne daß ich mir dies erklären konnte. Walter gibt mir Auskunft, warum. Die Vögel haben so schwache Verdauungswerkzeuge, daß sie keine Gewölle bilden können, an schwer verdaulichen Stoffen, wie Kerbthierflügeln, Füßen und dergleichen, sich deshalb den Magen verderben, krank werden und an Abzehrung zu Grunde gehen. Hierin dürfte das größte Hindernis liegen, sie längere Zeit im Käfig zu halten.

Dieselben Feinde, welche den übrigen Spechten gefährlich werden, verfolgen selbstverständlich auch den Kleinspecht. Manch einer mag von ihnen ergriffen werden; manch einer entgeht ihnen aber auch, Dank seiner unvergleichlichen Gewandtheit. Dagegen setzt ihn nun wieder seine harmlose Zutraulichkeit mordlustigen Schützen gegenüber den größten Gefahren aus. Demungeachtet kann man nicht sagen, daß sein Verstand sich verringere; denn glücklicherweise verhängt der Winter seltener so große Noth über ihn wie über die Erdspechte, und ebenso entgeht seine Nisthöhle doch in den meisten Fällen dem Auge gieriger Eiersammler, welche unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu der schlimmsten Geisel der ganzen Vogelwelt werden und, nicht allein Nester plündernd, sondern regelmäßig noch zerstörend, gerade unter Spechten ärger hausen als die mordsüchtigsten Raubthiere.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Vierter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Erster Band: Papageien, Leichtschnäbler, Schwirrvögel, Spechte und Raubvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 482-486.
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