Scena I.

[21] VLRICH.

Wie wandelbar ist menschen Glück,

So gar vnstät mit falschen Tück,

So gar verschlagen mit seinr Haab,

Das ich mich offt verwunder drab.

Ietz ist einr hoch, bald wirt er nider,

Ietz ist einr arm, bald reicht er wider.

Die Zeit bringt offt die roten Rosen,

Offt kommend auch herfür Zeitlosen.

Keinr soll dem Glück zu viel vertrawen,

Allein auff Gott den HERren bawen.

Dann wie sich das Aprillen Wetter,

Erzeigt je lenger je vnstätter:

Also das waltzend vnstät Glück,

Stößt alles hindersich zurück.

Deß nempt von mir ein Beyspiel ab,

Was ich für Glück erfahren hab.

Vier Jahr seind jetz geflossen hin,

Das ich gefangen worden bin,

In einer Schlacht, vnd weg geführt,

Ins Hungerland, vnd da tractiert,[21]

Gleich wie ein Knecht in allen sitten,

Hab sölche dienstbarkeit erlitten,

Das ichs nit gnug erzehlen kan,

Ihr secht mich selbs fürn Bettler an.

Nu hilfft mir Gott jetzt widerumb,

Das ich auß meinem Elend kum,

Allhier in mein Heb Vatterland,

Vnd nem wider her zu meiner Hand,

Mein Graffschafft vnd all Herrschafft eyn,

Die ich da hab am See vnd Rhein.

Dann ich bin der verloren Mann,

Graff Vlrich gnant, secht mich recht an.

Ein Herr des Turgows vnd Reinthal,

Lintzgow, Montfort vnd vberal,

Was da umb Buchhorn vmbher leit,

Kom jetzund her zu dieser Zeit,

Auß Hungern in der armen gstalt,

O Glück, wie bist so manigfalt.

Dir sol kein Mensch zviel vertrawen,

Allein auff Gott den Herren bawen.

Ich bin von Königlichem Stammen,

Vnd hab eins reichen Grafen namen,

Auß Keyser Carlins Blut geborn,

Vnd hielt mein Hoff zu Buchorn,

Ehe ich in diese Armut grieht,

O Gott, ein jeden darfür bhüt.

Es ist kein Mensch auff dieser Erden,

Er möcht ein armer Bettler werden.

Nu kom ich zu Sanct Gallen her,

Dann ich vernommen hab die Mär,

Daß mein Gemahl Fraw Wendelgart,

Vmb mich betrübt sey worden hart,

Vnd sich in ein Clausen gethan,

Wil jetzund also zu jhr gahn,

Als wenn ich kam in Botten weiß,

Ein Brieff jhr geben hin mit fleiß.

Muß doch dem Abt sölchs zeigen an,

Mich dünckt ich sehe jhn außer gahn.[22]

Ich kenn jhn wol, wil mich doch stellen,

Als kent ich nit mein alten Gsellen.


Quelle:
Nicodemus Frischlin: Fraw Wendelgard. Stuttgart 1908, S. 21-23.
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