30.

[171] Hier schreiet mächtiglich Argmund,

Der oft von Guten Schlecht's thut kund,

Und Eifersucht bestürmt im Drang'

Da um den Liebsten Gutempfang.


Und diese sagte ihm gar mild,

Schau, welche Tollheit dich erfüllt,

Daß dich jetzt reizen mag der Knabe,

An dem ich viel Verdächtiges habe?

Gar schlimm, daß Schmeichelei so leicht

Von fremden Burschen Dich beschleicht.

Auf dich verlass' ich nimmer mich.

Gewiß, ich lasse fesseln Dich

Und werfen Dich in feste Thürme,

Denn anders seh ich keine Schirme.

Scham hat von Dir sich fern gemacht.

So hat sie nicht mehr auf dich Acht,

Daß sie dich kurz und strenge hält,

So ist es mir nun festgestellt,[172]

Daß Keuschheit schlechte Hilfe habe,

Wenn gleich so ein geputzter Knabe,

Darf hier in unsre Stätte gehn,

Um sie und mich zuletzt zu schmäh'n.


Der Liebende.


Nicht Antwort wußte Gutempfang,

Und so verbarg er sich gar lang,

Daß man ihn nicht betreffe hier

Und finde so vertraut mit mir.

Doch da ich nun das Uebel sah

Das gegen uns sich wandte da,

Da wandt' ich rasch mich in die Flucht,

Bestürzt von ihres Grimmes Wucht.

Darauf nun trat hervor die Scham,

Die sich gar sehr beleidigt nahm.

Einfach sie und bescheiden stat,

Mit einem Schlei'r an Kopfputz's Statt.

Wie ein' Aebtissin oder Nonn'.

Und jetzt beleidigt von dem Drohn,

Mit sanfter Rede so sie spricht:


Hier spricht Scham zu Eifersucht.


Um Gott, o Fraue, glaubt doch nicht

Argmund, dem lügevollen Herrn,

Das ist ein Mensch, der trüget gern,

Und trog schon manchen Biedermann.[173]

So klagt er Gutempfang jetzt an,

Doch ist das nicht das erste Mal,

Denn Argmund pfleget überall

Gerüchte fälschlich auszustreu'n

Von jungen Herren und Fräulein.

Doch freilich Wahrheit ist dabei,

Denn Gutempfang ist allzufrei.

Er hat gezogen Leut' heran,

Bei denen er's konnt' bleiben la'n.

Doch dieses glaubet nie mein Muth

Daß wirklich er begünst'gen thut

Thorheit und Lasterhaftigkeit.

Doch ist es wahr, daß Adligkeit,

Die seine Mutter, ihn gelehrt,

Daß er die Leut' nicht von sich wehrt.

Nie thät' er einem Schuft zu Dank'.

Kein ander Fehl hat Gutempfang,

Und andren Tadel nicht, das wißt,

Als daß er zu gefällig ist,

Und daß er liebet Weib und Mann.

Gewißlich ging ich oft daran,

Zu tadeln und zu hüthen ihn;

Drum wollt' ich, daß er Gnad' verdien;

Ich war zu langsam wohl zur Zeit

Hierbei, und dieses thut mir Leid.

Und mein Versehen reut mich sehr:

Doch wend' ich alle Sorg' nunmehr[174]

Darauf, zu hüthen Gutempfang,

Und hör' nicht auf, mein Leben lang.


Spricht Eifersucht zu Scham.


Da sagte Eifersucht: Scham, Scham,

Gar große Angst mich überkam,

Denn so hoch stieg die Sünd' schon an,

Daß Alles jetzt geschehen kann.

Was Wunder, wenn in Furcht ich falle,

Denn Ueppigkeit herrscht überalle,

Und immer wächst die Macht auf's Neu'.

Da ist nicht Kloster, noch Abtei,

Darin Keuschheit gesichert ist.

'Ne Mauer bau' ich auf zur Frist,

Zu wahren Ros' und Rosenstöcke,

Nicht lass' ich sie mehr ohn' Verstecke,

Denn wenig trau' ich Eurer Macht,

Da in Erfahrung ich gebracht,

Daß selbst die beste Wacht nicht frommt,

Ich sehe, eh' das Jahr umkommt,

Daß man für albern mich ansieht,

Wenn ich mich nicht bei Zeiten hüt'.

Ich muß bei Zeiten um mich schau'n.

Ich will die Aussicht schon verbau'n,

Für alle die, die mich zu schmäh'n

Herkommen, meine Rosen sehn.

Ich werde sein nicht faul noch träge,[175]

Daß ich 'ne Feste mir anlege,

Für meine Rosen all' zum Schirm,

Und in der Mitte ein Gethürm',

Zu legen Gutempfang hinein,

Denn vor Verrath muß ich mich scheu'n.

Den Leib leg' ich ihm so in Haft,

Daß er sich schwerlich mir entrafft,

Und soll auch nicht Gesellschaft ha'n

Mit Burschen, und mich schmähen la'n,

Die ihn bethör'n mit Schmeichelei'n;

Denn dieses spüren sie gar fein,

Wie leicht er zu betrügen geht,

Doch wenn ich lebe, wisst und seht,

Schmerzt sie der schöne Schein noch schwer.


Der Dichter.


Da kommet Furcht mit Zittern her,

Doch hat sie gar so arg versehrt,

Was sie von Eifersucht gehört,

Daß sie kein Wort kann sagen da,

Weil so in Zorn sie Jene sah.

So ziehet sie sich auf die Seit'.

Und Eifersucht nun geht zur Zeit,

Von Furcht und Scham in gleicher Weis'.

Und ihnen bebt der ganze Steiß.

Und Furcht gesenktes Hauptes saß,

Und sprach zu Scham nun, ihrer Bas':[176]


Furcht.


Scham, sagte sie, es grämt mich sehr,

Daß uns es schaden soll so schwer,

Und können gar Nichts doch dafür.

Schon oft war Lenz- und Wonnmond hier,

Ohn' daß geworden uns Unglimpf;

Und jetzo beut uns Schand' und Schimpf

Die Eifersucht und arg' Mißtrau'n.

Komm', laß uns nach Gefahr jetzt schau'n,

Und sagen ihm und zeigen gleich,

Was er verübt für schlimmen Streich,

Daß er der Wacht nicht besser pflag,

Um wohl zu hüten diesen Hag.

Er hat erlaubt dem Gutempfang

Für seine Lust zu offenen Gang.

So ziemts ihm auch, daß er es sühn'.

Sonst wahrlich lasset wissen ihn,

Daß er muß flieh'n aus diesem Land',

Denn nimmer hält im Krieg' er Stand

Der Eifersucht, wenn sie ihn haßt,

Und ihn mit ihrem Zorn' erfaßt.


Quelle:
Guillaume de Lorris: Das Gedicht von der Rose. Berlin 1839, S. 171-177.
Lizenz:

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