|
[634] Mortimer. Gleich darauf Okelly.
MORTIMER.
Bin ich im Wahnwitz? Kam nicht eben jemand
Vorbei und rief: Die Königin sei ermordet?
Nein, nein, mir träumte nur. Ein Fieberwahn
Bringt mir als wahr und wirklich vor den Sinn,
Was die Gedanken gräßlich mir erfüllt.
Wer kommt? Es ist Okelly. So schreckenvoll!
OKELLY hereinstürzend.
Flieht, Mortimer! Flieht. Alles ist verloren.
MORTIMER.
Was ist verloren?
OKELLY.
Fragt nicht lange. Denkt
Auf schnelle Flucht.
MORTIMER.
Was gibts denn?
OKELLY.
Sauvage führte
Den Streich, der Rasende.
MORTIMER.
So ist es wahr?
OKELLY.
Wahr, wahr! O rettet Euch!
MORTIMER.
Sie ist ermordet,
Und auf den Thron von England steigt Maria!
OKELLY.
Ermordet! Wer sagt das?
MORTIMER.
Ihr selbst!
OKELLY.
Sie lebt!
Und ich und Ihr, wir alle sind des Todes.
MORTIMER.
Sie lebt!
OKELLY.
Der Stoß ging fehl, der Mantel fing ihn auf,
Und Shrewsbury entwaffnete den Mörder.
MORTIMER.
Sie lebt!
OKELLY.
Lebt, um uns alle zu verderben!
Kommt, man umzingelt schon den Park.
MORTIMER.
Wer hat[634]
Das Rasende getan?
OKELLY.
Der Barnabit
Aus Toulon wars, den Ihr in der Kapelle
Tiefsinnig sitzen saht, als uns der Mönch
Das Anathem ausdeutete, worin
Der Papst die Königin mit dem Fluch belegt.
Das Nächste, Kürzeste wollt er ergreifen,
Mit einem kecken Streich die Kirche Gottes
Befrein, die Martyrkrone sich erwerben,
Dem Priester nur vertraut' er seine Tat,
Und auf dem Londner Weg ward sie vollbracht.
MORTIMER nach einem langen Stillschweigen.
O dich verfolgt ein grimmig wütend Schicksal,
Unglückliche! Jetzt – ja jetzt mußt du sterben,
Dein Engel selbst bereitet deinen Fall.
OKELLY.
Sagt! Wohin wendet Ihr die Flucht? Ich gehe,
Mich in des Nordens Wäldern zu verbergen.
MORTIMER.
Flieht hin und Gott geleite Eure Flucht!
Ich bleibe. Noch versuch ichs, sie zu retten,
Wo nicht, auf ihrem Sarge mir zu betten.
Gehen ab zu verschiedenen Seiten.
|
Ausgewählte Ausgaben von
Maria Stuart
|
Buchempfehlung
Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
106 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.
396 Seiten, 19.80 Euro