276. Frauenroda.

[267] Von J.B.Goßmann.


Mit still vergnügtem Sinnen

Beim Abendsonnenstrahl

Steh'n auf den hohen Zinnen

Der Ritter und sein Gemahl.


Sie schau'n ihr liebes Franken

Und schau'n hinab ins Thal,

Und haben fromme Gedanken,

Der Ritter und sein Gemahl.


Laßt uns ein Kloster bauen

Und beten drin zumal.

So sprach die Perl' der Frauen

Zum Ritter, ihrem Gemahl.


Das eben ist mein Sinnen,

Doch wird mir schwer die Wahl,

Wo Raum sei zu gewinnen!

Der Ritter so zum Gemahl.


Da kam ein Sturm geflogen

Mit großer Gewalt zumal,

Der hat den Schleier gezogen

Vom Haupte seinem Gemahl.


Ihn trug der Wind im Wehen

Wohl über Berg und Thal,

Das haben mitangesehen

Der Ritter und sein Gemahl.


Ihr Knappen, auf! ihr geschwinden,

Zum Suchen auszugeh'n!

Wo man den Schleier wird finden,

Da soll das Kloster steh'n.


Drei Tage sind verschwunden,

Und nach der dritten Nacht,

Da wird der Schleier gefunden

Und in die Burg gebracht.


Des Klosters Bau wird begonnen,

Wo man den Schleier fand,

Er ward bestimmt für Nonnen

Und Frauenrode genannt.


In selbem Kloster thäten

Der Ritter und sein Gemahl

Für ihre Seelen beten

Gebetlein ohne Zahl.


Im Kloster zu Frauenrode

In Zellen eng und schmal,

Da ruhen nach ihrem Tode

Der Ritter und sein Gemahl.


Dort hängt zur ew'gen Feier

Am heiligen Altar,

Der wunderbare Schleier,

Der Gottes Bote war.

Quelle:
Alexander Schöppner: Sagenbuch der Bayer. Lande 1–3. München 1852–1853, S. 267-268.
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