Erste Szene

[659] Der Ardenner Wald.


Der Herzog, Amiens und andre Edelleute in Jägerkleidung.


HERZOG.

Nun, meine Brüder und des Banns Genossen,

Macht nicht Gewohnheit süßer dieses Leben

Als das gemalten Pomps? Sind diese Wälder

Nicht sorgenfreier als der falsche Hof?

Wir fühlen hier die Buße Adams nur,

Der Jahrszeit Wechsel; so den eis'gen Zahn

Und böses Schelten von des Winters Sturm.

Doch wenn er beißt und auf den Leib mir bläst,

Bis ich vor Kälte schaudre, sag' ich lächelnd:

»Dies ist nicht Schmeichelei; Ratgeber sind's,

Die fühlbar mir bezeugen, wer ich bin.«

Süß ist die Frucht der Widerwärtigkeit,

Die, gleich der Kröte, häßlich und voll Gift,

Ein köstliches Juwel im Haupte trägt.

Die unser Leben, vom Getümmel frei,

Gibt Bäumen Zungen, findet Schrift im Bach

In Steinen Lehre, Gutes überall.

AMIENS.

Ich tauscht' es selbst nicht: glücklich ist Eu'r Hoheit,

Die auszulegen weiß des Schicksals Härte

In solchem ruhigen und milden Sinn.

HERZOG.

Kommt, soll'n wir gehen und uns Wildbret töten?

Doch reut mich's, daß wir den gefleckten Narr'n,

Die Bürger sind in dieser öden Stadt,

Auf eignem Grund mit hak'gen Spitzen blutig

Die runden Hüften reißen.[659]

ERSTER EDELMANN.

Ja, mein Fürst,

Den melanchol'schen Jaques kränkt dies sehr,

Er schwört, daß Ihr auf diesem Weg mehr Unrecht

Als Euer Bruder übt, der Euch verbannt.

Heut schlüpften ich und Amiens hinter ihn,

Als er sich hingestreckt an einer Eiche,

Wovon die alte Wurzel in den Bach

Hineinragt, der da braust den Wald entlang.

Es kam dahin ein arm verschüchtert Wild,

Das von des Jägers Pfeil beschädigt war,

Um auszuschmachten; und gewiß, mein Fürst,

Das arme Tier stieß solche Seufzer aus,

Daß jedesmal sein ledern Kleid sich dehnte

Zum Bersten fast: und dicke runde Tränen

Längs der unschuld'gen Nase liefen kläglich

Einander nach; und der behaarte Narr,

Genau bemerkt vom melanchol'schen Jaques,

Stand so am letzten Rand des schnellen Bachs,

Mit Tränen ihn vermehrend.

HERZOG.

Nun, und Jaques?

Macht' er dies Schauspiel nicht zur Sittenpredigt?

ERSTER EDELMANN.

O ja, in tausend Gleichnissen. Zuerst

Das Weinen in den unbedürft'gen Strom:

»Ach, armer Hirsch!« so sagt' er, »wie der Weltling

Machst du dein Testament, gibst dem den Zuschuß,

Der schon zu viel hat.« – Dann, weil er allein

Und von den samtnen Freunden war verlassen:

»Recht!« sagt' er, »so verteilt das Elend stets

Des Umgangs Flut.« – Alsbald ein Rudel Hirsche,

Der Weide voll, sprang sorglos an ihm hin,

Und keiner stand zum Gruße. »Ja«, rief Jaques,

»Streift hin, ihr fetten, wohlgenährten Städter!

So ist die Sitte eben: warum schaut ihr

Nach dem bankrotten armen Schelme da?«

Auf diese Art durchbohrt er schmähungsvoll

Den Kern vom Lande, Stadt und Hof, ja selbst

Von diesem unsern Leben; schwört, daß wir

Nichts als Tyrannen, Räuber, Schlimmres noch,[660]

Weil wir die Tiere schrecken, ja sie töten,

In ihrem eignen heimatlichen Sitz.

HERZOG.

Und ließet ihr in der Betrachtung ihn?

ERSTER EDELMANN.

Ja, gnäd'ger Herr, beweinend und besprechend

Das schluchzende Geschöpf.

HERZOG.

Zeigt mir den Ort,

Ich lasse gern in diesen düstern Launen

Mich mit ihm ein: er ist dann voller Sinn.

ERSTER EDELMANN.

Ich will Euch zu ihm bringen.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 659-661.
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