Omar

[119] Inmitten seiner Turbankrieger,

Die Stirne voll Gewitterschein,

Zog Omar, der Kalif, als Sieger

Ins Tor der Ptolemäer ein.

Umrauscht von Mekkas Halbmondbannern,

Ritt langsam er dahin im Zug,

Ihm folgte mit den Bogenspannern

Ein Negerschwarm, der Fackeln trug.


Sie zogen durch die öden Gassen,

Durch Siegestor und Säulengang,

Drin klirrend nur der Schritt der Massen,

Der Hengste Stampfen widerklang;

Schon lenkte zu den Porphyrstufen

Der alten Hofburg der Kalif,

Da warf vor seines Rosses Hufen

Ein Greis sich in den Staub und rief:


»O Herr, der Sieger warst du heute,

Und diese Stadt des Nils ist dein,

So nimm als reiche Schlachtenbeute

Ihr Gold und Erz und Elfenbein.[119]

Die Türme stürz' in Schutt zusammen,

Zerbrich den Bilderschmuck des Hains,

Die Tempel selber gib den Flammen!

Nur eins verschone, Herr, nur eins!


»Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen

Am Tor, die Hüter unsres Ruhms,

Da schläft in hunderttausend Rollen

Der Geisterhort des Altertums.

Was, seit der Erdkreis aufgerichtet,

In Tat und Wort sich offenbart,

Was je gedacht ward und gedichtet,

Dort liegt's der Nachwelt aufbewahrt.


»O gib den Schatz, aus allen Reichen

Der Welt gehäuft mit treuem Fleiß,

Gib dies Vermächtnis ohnegleichen,

Der Menschheit Erbteil gib nicht preis!

Nein, heilig sei auch dir die Stätte,

Die jede Muse fromm geweiht,

Streck' drüber deine Hand und rette

Der Zukunft die Vergangenheit!«


Doch Omar zieht die Stirn in Falten

Und spricht, indem sein Auge flammt:

»Ich bin genaht, Gericht zu halten,

Was drängst du, Tor, dich in mein Amt?

Hinweg, daß meines Zorns Geloder

Nicht dich samt deinen Rollen trifft!

Die Schätze, die du rühmst, sind Moder,

Und was du Weisheit nennst, ist Gift.


Schon allzulang am unfruchtbaren

Vielwissen siecht die Welt erschlafft;

Der Staub von mehr als tausend Jahren

Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.

Des Lebens Baum ließ ab zu lauben,

Seit dran der Wurm des Zweifels zehrt:

Wo ist ein Herz noch, frisch zum Glauben!

Wo ist ein Arm noch, stark zum Schwert![120]


»Daß endlich diese Dumpfheit ende,

Bin ich gesandt, vom Herrn ein Blitz.

Auf! Schleudert denn die Feuerbrände

In der verjährten Krankheit Sitz!

Und wenn, umwogt vom Flammenmeere,

Der aufgetürmte Wust zergeht,

Ruft: Gott ist groß! Ihm sei die Ehre!

Und Mahomed ist sein Prophet!«

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 2, Leipzig und Wien 1918, S. 119-121.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Noch in der Berufungsphase zum Schulrat veröffentlicht Stifter 1853 seine Sammlung von sechs Erzählungen »Bunte Steine«. In der berühmten Vorrede bekennt er, Dichtung sei für ihn nach der Religion das Höchste auf Erden. Das sanfte Gesetz des natürlichen Lebens schwebt über der idyllischen Welt seiner Erzählungen, in denen überraschende Gefahren und ausweglose Situationen lauern, denen nur durch das sittlich Notwendige zu entkommen ist.

230 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon