Karl 1.

[23] Im Wald, in der Köhlerhütte, sitzt

Trübsinnig allein der König;

Er sitzt an der Wiege des Köhlerkinds

Und wiegt und singt eintönig:


»Eiapopeia, was raschelt im Stroh?

Es blöken im Stalle die Schafe –

Du trägst das Zeichen an der Stirn

Und lächelst so furchtbar im Schlafe.
[23]

Eiapopeia, das Kätzchen ist tot –

Du trägst auf der Stirne das Zeichen –

Du wirst ein Mann und schwingst das Beil,

Schon zittern im Walde die Eichen.


Der alte Köhlerglaube verschwand,

Es glauben die Köhlerkinder –

Eiapopeia – nicht mehr an Gott,

Und an den König noch minder.


Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh –

Wir müssen zuschanden werden –

Eiapopeia – im Himmel der Gott

Und ich, der König auf Erden.


Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank,

Und täglich wird es kränker –

Eiapopeia – du Köhlerkind,

Ich weiß es, du bist mein Henker.


Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied –

Eiapopeia – die greisen

Haarlocken schneidest du ab zuvor –

Im Nacken klirrt mir das Eisen.


Eiapopeia, was raschelt im Stroh?

Du hast das Reich erworben,

Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab –

Das Kätzchen ist gestorben.


Eiapopeia, was raschelt im Stroh?

Es blöken im Stalle die Schafe.

Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh –

Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!«
[24]

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 23-25.
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