Die Arbeiter an ihre Brüder

[243] Frei nach dem Türkischen


Wir schüren in den Essen

Die Feuer Tag und Nacht,

Am Webstuhl, an den Pressen

Steht unsre Friedenswacht.
[243]

Wir schürfen in dem Qualme

Der Gruben nach Metall,

Den Segen goldner Halme

Dankt uns der Erdenball.


Doch wenn das Korn gedroschen,

Dann heißt es: Stroh als Lohn,

Dann heißt's: für uns den Groschen,

Den Taler dem Patron.


Dann heißt's: für uns den Schragen,

Das weiche Bett dem Gauch!

Dann heißt's: Nichts in den Magen

Und Kugeln in den Bauch!


Vergebens aus der Tiefe

Steigt der Beraubten Chor,

Mit seinem Vollmachtsbriefe

Ans Glück, zum Licht empor.


Was hilft es, daß wir trotzen,

Solang noch mordbereit

Ihr gegen uns den Protzen

Die starken Arme leiht?


O weh, daß ihr im Bunde

Mit ihnen uns verließt

Und daß ihr uns wie Hunde

Auf ihr Geheiß erschießt!


Ach, wenn sie euch nicht hätten,

Wär alles wohlbestellt;

Auf euren Bajonetten

Ruht die verkehrte Welt.
[244]

An euren Bajonetten

Klebt aller Zeiten Fluch;

Wir trügen keine Ketten,

Trügt ihr kein buntes Tuch;


Wir brauchten nicht zu fronen

Für Sultan und Vezier,

Nicht länger für die Drohnen

Zu darben brauchten wir.


Wir hätten nicht zu beben

Vor Pascha oder Scheik

Und könnten bald erleben

Den großen Fürstenstreik.


Durch euch sind wir verraten,

Durch euch verkauft allein:

Wann stellt ihr, o Soldaten,

Die Arbeit endlich ein?
[245]

Quelle:
Herweghs Werke. Berlin und Weimar 1967, S. 243-246,266.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon