Frühlingslied

[41] 1841


Noch ein Lied dem deutschen Bürger,

Noch ein echtes Maienlied!

Frühling sei es keinem Würger,

Der sein Volk zum Staube zieht;

Frühling jedem bis zum Tod,

Frühling nie für den Despot!

Selbst der Himmel, warm und rein,

Der des Freien Brust erweitert,

Eine Klippe, dran er scheitert,

Mög' er jedem Wütrich sein.


Alle Blumen sollen flüstern:

»Seht ihr, seht ihr den Tyrann?

Bleib in deinem Reich, dem düstern,

In der Hölle, finstrer Mann!

Willst du noch des Weihrauchs mehr?

Unser Kelch ist für dich leer,

Fort! Du taugst nicht an das Licht!

Weiche ferne, du Verräter,

Du verstehst den freien Äther

Und die Frühlingsfreiheit nicht!«


Jede Biene dünk' Tarantel,

Jeder Rose Purpurkleid

Ihm ein Karbonarimantel,

Drin ein Dolch für ihn bereit!

Jeglich Säuseln, das er hört,

Ihm sein Volk, das sich empört;

Keine Freude und kein Scherz,

Keine Wonne soll ihm blühen,

Und von keiner Sonne glühen

Je ihm sein sibirisch Herz!
[41]

Nächtlich mit Entsetzen dreh' er

Sich im sternenlosen Nichts,

Und von allen Engeln seh' er

Nur den Engel des Gerichts;

Jeder Schlag der Nachtigall

Kling' ihm wie Posaunenschall,

Der ihn vor den Ew'gen ruft;

Und der Lerche jubelnd Schmettern,

Wie der Blitz von tausend Wettern

Treff' es ihn aus blauer Luft.


Jeder Blütenbaum am Wege

Streu' aufs Haupt ihm Silberschnee,

Einen eis'gen Panzer lege

Um sein Schiff ihm jeder See;

Wo er immer landen mag,

Flieh' erschreckt der goldne Tag;

In der öden, kahlen Flur

Soll sich seine Seele spiegeln,

Ihm ein Buch mit tausend Siegeln

Sei im Lenze die Natur.


Ja, o Lenz, sei für die Dichter,

Für die Völker Lenz allein!

Für Tyrannen sollst du Richter,

Für Tyrannen Rächer sein.

Schreib auf jedes grüne Blatt;

Ich bin eurer herzlich satt,

Eurer schnöden Tyrannei!

Frei sind meiner Blumen Düfte,

Meine Wolken, meine Lüfte,

Auch die Menschen seien frei!


Quelle:
Herweghs Werke in drei Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1909], S. 41-42.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon