Präludium

[105] Singe, o singe dich, Seele,

über den Eintag empor in die

himmlischen Reiche der Schönheit!

Bade in goldenen Strömen der Töne dich rein

vom Staube der Sorgen!


Was dir die Welt geraubt, vergiß es!

Was dir dein Los verwehrt,

genieß es im Traum!

Auf klingenden Wellen

kommen die heimlichsten Wunder

wie Düfte

ferner Gärten

zu deinen leis zitternden Sinnen.


Singe, singe, Seele des Menschen,

vom Grauen der Nächte bedroht,

dich empor,

wo, lichtumgürtet,

der Phantasien

jungfräulicher Reigen

die zierlichen Füße

auf nie verblühenden Wiesen

verführerisch setzt.

Quelle:
Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. Abteilung 1, Band 3, Basel 1971–1973, S. 105-106.
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