|
[320] Aller Augen wahrten auf dich, und Du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du thust Deine milde Hand auf und sättigest Alles, was lebt, mit Wolgefallen.
Melodie: Allein Gott in der Höh sei Ehr.
1.
Es wahrtet Alles, Herr, auf Dich,
Was in der Welt sich reget,
Was in der Luft und Wassern sich
Durch deine Kraft beweget.
Es schaut auf Dich das Klein und Gross',
Auch was der runder Erdenkloos
In seinem Umkreis heget.
2.
Es kan sich ja kein Menschenkind
Durch eigne Kraft versorgen;
Den ob wir schon bemühet sind
Vom Abend biß zum Morgen,
So thut man alles doch ümsunst,
Im Fall', O Herr, sich deine Gunst
Uns Armen hält verborgen.
3.
Wen wir mit Adam hakken schon
Und mit Elisa pflügen,
So werden wir doch schlechten Lohn
Von solcher Arbeit kriegen,
Wo du nicht, Herr, an uns gedenkst
Und deinen Segen reichlich schenkst,
Der treflich kan vergnügen.
4.
Was hilft es, das ich früh' und spat
Viel pflantz' im Feld' und Gahrten?
Wer dich, Herr, nicht zum Helffer hat,
Des Thun wird sich nicht ahrten.
Dein Segen nützt uns weit und breit,
Er lehrt uns auch, der Ernde Zeit
Fein mit Gedult erwahrten.
5.
Ja, liber Herr, wie soltest Du
Die Menschen nicht ernähren?
Dein Hand ist nie geschlossen zu,
Die Nohtturft zu bescheren.
Dein Segen zeigt sich nah' und fern;
Den jungen Raben gibst du gern
Auch das, was sie begehren.
6.
Die Sperling' hüpffen auf dem Dach'
Und finden doch ihr Essen;
Die Hirsche gehn dem Futter nach
Und werden nicht vergessen.
Du nährest allerlei Geblüht':
Ach Herr, wer kan doch deine Güht
Und Libe recht ermessen?
[320]
7.
Doch wen man nicht erkennen wil,
Was deine Recht' uns schenket,
So hält dein Segen plötzlich still,
Diweil dein Hertz sich lenket
Alsden zur Straff' und Hungers-Noht:
Da fehlt es bald am liben Brod',
An dem auch, was uns tränket.
8.
Sprich nicht: Die Frucht, Korn, Oel und Wein
Sind durch mein' Arbeit kommen.
O Mensch, laß doch dein rühmen sein,
Du hasts von Gott genommen.
Der grosse Schöpfer weis es nur,
Was seiner armen Kreatur
Zur rechten Zeit kan frommen.
9.
Wie wen ein treuer Vater pflegt
Die Kinder zu begaben
Und ihnen auf die Taffel legt
Das, was sie nöthig haben:
O frommer Gott, so stehn auch wir
Als deine Kinder stets für dir,
Du must uns täglich laben.
10.
Drum aber sol man sagen nicht:
Mein Gott wird mir wol geben,
Was mir in diser Zeit gebricht,
Ich wil nur ruhig leben.
Nein, liber Mensch, du bist gemacht,
Durch Fleiß und Arbeit Tag und Nacht
Der Nahrung nachzustreben.
11.
Drauf glaubet den ein frommer Christ
Und fähet an zu bitten,
Nicht zweiflend, daß in kurtzer Frist
Der Höchste werd' ausschütten
Den Segen, welchen er begehrt:
Alsden wird ihm sein Theil beschert,
Und das sind Gottes Sitten.
12.
Du schliessest auf Luft, Erd' und Meer,
Daß sie gantz häufig bringen,
O Gott, was ich von dir begehr'.
Ach seht doch nur, wie dringen
Die Vogel, Fisch und zahme Thier,
Dazu das Wild und Korn herfür
Samt tausend andern Dingen!
13.
O grosse Weisheit, Hülff' und Gunst,
Die du der Welt erzeigest!
Dis schaffet deiner Libe Brunst,
Das du so gnädig steigest
Von deinem Thron herab zu mir.
Wie sol ichs gnugsahm danken Dir,
Das du so tief dich neigest?
14.
Nun, Herr, du machst den Leib mir satt
Nach deinem Wolgefallen;
Doch ist mein' arme Seel auch matt,
Ach speise sie für allen.
Herr, segne mich in diser Zeit,
Dein Lob sol in der Ewigkeit
Durch meinen Mund erschallen.
Buchempfehlung
»Was mich einigermaßen berechtigt, meine Erlebnisse mitzuteilen, ist der Umstand, daß ich mit vielen interessanten und hervorragenden Zeitgenossen zusammengetroffen und daß meine Anteilnahme an einer Bewegung, die sich allmählich zu historischer Tragweite herausgewachsen hat, mir manchen Einblick in das politische Getriebe unserer Zeit gewährte und daß ich im ganzen also wirklich Mitteilenswertes zu sagen habe.« B.v.S.
530 Seiten, 24.80 Euro
Buchempfehlung
Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.
434 Seiten, 19.80 Euro