XV

[162] In der ersten Zeit des Oktobers kam zu Kutusow noch ein Parlamentär mit einem Brief Napoleons, der ein Friedensangebot enthielt; dieser Brief war zum Zweck der Täuschung aus Moskau datiert, während Napoleon in Wirklichkeit sich schon nicht mehr weit vor Kutusow auf der alten Kalugaer Heerstraße befand. Kutusow antwortete auf diesen Brief ebenso wie auf den ersten, den ihm Lauriston überbracht hatte: von Frieden könne keine Rede sein.

Kurz darauf ging von Dolochows Freikorps, das links von Tarutino marschierte, die Meldung ein, in Fominskoje hätten sich Truppen gezeigt; diese Truppen beständen aus der Division Broussier, und die Division könne, da sie von den andern Truppen getrennt sei, leicht vernichtet werden. Die Soldaten und Offiziere verlangten wieder ein aktives Vorgehen. Die Generale vom Stab, erregt durch die Erinnerung an den leichten Sieg bei Tarutino, drangen in Kutusow, er möge der von Dolochow gegebenen Anregung Folge leisten. Kutusow hielt jeden Angriff für unnötig. Das Resultat war das nach Lage der Sache notwendige: man schlug einen Mittelweg ein; es wurde nach Fominskoje ein kleines Detachement geschickt, das gegen Broussier einen Angriff machen sollte.

Durch einen sonderbaren Zufall erhielt diesen, wie sich in der Folge zeigte, besonders schwierigen, wichtigen Auftrag Dochturow, eben jener bescheidene, kleine Dochturow, von dem uns niemand berichtet hat, daß er Schlachtpläne entworfen habe, vor den Regimentern einhergeflogen sei, zur Anfeuerung der Truppen Georgskreuze in eine vom Feind eroberte Batterie geworfen habe usw., jener Dochturow, von dem man glaubte und sagte, daß es ihm an Scharfblick und Entschlossenheit[163] mangele, aber doch jener selbe Dochturow, den wir in allen Kriegen der Russen mit den Franzosen von Austerlitz bis zum Jahre 1813 überall da kommandieren sehen, wo die Situation eine schwierige ist. Bei Austerlitz bleibt er als der Letzte am Damm von Aujesd, wo er die Regimenter sammelt und rettet, was noch zu retten ist, während alles flieht und umkommt und kein einziger General bei der Arrieregarde zu sehen ist. Obwohl er am Fieber leidet, geht er mit zwanzigtausend Mann nach Smolensk, um diese Stadt gegen die ganze Armee Napoleons zu verteidigen. In Smolensk ist er in der Fieberhitze kaum ein wenig am Malachowskischen Tor eingeschlummert, als ihn die gegen Smolensk eröffnete Kanonade aufweckt; und Smolensk hält sich einen ganzen Tag. Als in der Schlacht bei Borodino Bagration gefallen war und die Truppen unseres linken Flügels furchtbare Verluste gehabt hatten und die französische Artillerie ihre gesamte Kraft dorthin richtete, da wird kein anderer dorthin geschickt, sondern gerade Dochturow, dem es an Scharfblick und Entschlossenheit mangelt, und Kutusow beeilt sich, den Fehler, den er dadurch begangen hatte, daß er soeben schon einen andern dorthin geschickt hatte, wiedergutzumachen. Und der kleine, stille Dochturow reitet hin, und Borodino wird das schönste Ruhmesblatt des russischen Heeres. Viele Helden sind uns in Versen und in Prosa geschildert; aber über Dochturow hören wir kaum ein Wort.

Und nun wird Dochturow wieder dorthin geschickt, nach Fominskoje, und von da nach Malo-Jaroslawez, nach dem Ort, wo der letzte Kampf mit den Franzosen stattfindet, nach dem Ort, von dem augenscheinlich schon der Untergang des französischen Heeres beginnt, und wieder werden uns in dieser Periode des Feldzuges viele Genies und Helden geschildert; aber wieder wird über Dochturow kein Wort gesagt, oder nur[164] sehr wenig, oder in zweifelndem Ton. Gerade dieses Schweigen über Dochturow beweist deutlicher als alles andere den Wert dieses Mannes.

Es ist natürlich, daß jemand, der den Gang einer Maschine nicht versteht, beim Anblick ihrer Tätigkeit meint, der wichtigste Teil der Maschine sei das Spänchen, das zufällig in sie hineingeraten ist und nun in ihr herumwirtschaftet und ihren Gang stört. Wer die Konstruktion der Maschine nicht kennt, kann nicht begreifen, daß nicht dieses Spänchen, welches den Mechanismus hemmt und verdirbt, sondern jenes kleine Übertragungszahnrad, das sich geräuschlos herumdreht, einer der wichtigsten Teile der Maschine ist.

Am 10. Oktober, gerade an dem Tag, als Dochturow die Hälfte des Weges nach Fominskoje zurückgelegt hatte und in dem Dorf Aristowo haltmachte und alle Vorbereitungen traf, um den ihm erteilten Auftrag aufs genaueste auszuführen, war das ganze französische Heer in seinem krampfartig hin und her zuckenden Marsch bis zu Murats Position gelangt, anscheinend in der Absicht, dort eine Schlacht zu liefern, schwenkte nun aber plötzlich ohne Anlaß nach rechts auf die neue Kalugaer Straße ab und rückte in Fominskoje ein, wo bis dahin nur Broussier gelagert hatte. Dochturow hatte zu dieser Zeit unter seinem Kommando außer dem Dolochowschen Freikorps auch noch die beiden kleinen Abteilungen von Figner und Seslawin.

Am Abend des 11. Oktober kam Seslawin nach Aristowo zu seinem Vorgesetzten mit einem gefangenen französischen Gardisten. Der Gefangene sagte aus, die Truppen, die an diesem Tag in Fominskoje eingerückt wären, bildeten die Vorhut der ganzen großen Armee; auch Napoleon sei dabei, und die ganze Armee habe schon vor fünf Tagen Moskau verlassen. An demselben Abend erzählte ein Gutsknecht, der aus Borowsk[165] gekommen war, er habe den Einmarsch des gewaltigen Heeres in die Stadt mit angesehen. Kosaken von Dolochows Abteilung meldeten, sie hätten französische Gardetruppen auf der Straße nach Borowsk marschieren sehen. Aus allen diesen Nachrichten ging klar hervor, daß dort, wo man eine Division zu finden gemeint hatte, sich jetzt die ganze französische Armee befand, die von Moskau aus eine unerwartete Richtung eingeschlagen hatte: auf der alten Kalugaer Straße. Dochturow wollte nichts unternehmen, da ihm unter diesen Umständen nicht klar war, worin seine Pflicht bestehe. Es war ihm befohlen worden, Fominskoje anzugreifen. Aber in Fominskoje war vorher nur Broussier gewesen; jetzt war dort die ganze französische Armee. Jermolow wollte nach eigenem Ermessen handeln; aber Dochturow bestand darauf, er müsse einen Befehl vom Durchlauchtigen haben. Man beschloß, Meldung an den Stab zu schicken.

Hierzu wurde ein verständiger Offizier, namens Bolchowitinow, ausgewählt, der sowohl eine schriftliche Meldung überbringen als auch mündlich über die ganze Sache berichten sollte. Kurz vor Mitternacht erhielt Bolchowitinow den Brief und den mündlichen Auftrag und sprengte, von einem Kosaken mit Reservepferden begleitet, davon zum Generalstab.

Quelle:
Tolstoj, Lev Nikolaevic: Krieg und Frieden. 4 Bde., Leipzig 1922, Band 4, S. 162-166.
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