III

[108] Die russische Armee wurde einerseits von Kutusow und seinem Stab, andrerseits vom Kaiser von Petersburg aus geleitet. In Petersburg war, noch vor Eingang der Nachricht von der Preisgabe Moskaus, ein detaillierter Plan für den ganzen Krieg ausgearbeitet und dem Oberkommandierenden Kutusow als Anweisung zugeschickt worden. Obgleich bei der Aufstellung dieses Planes die Voraussetzung zugrunde gelegen hatte, daß Moskau noch in unseren Händen sei, wurde er dennoch vom Stab gutgeheißen und zur Ausführung akzeptiert. Kutusow schrieb nur zurück, Diversionen auf große Entfernungen seien immer schwer durchführbar. Zur Beseitigung der auftretenden Schwierigkeiten wurden neue Instruktionen geschickt sowie Personen, die Kutusows Tätigkeit überwachen und darüber berichten sollten.

Außerdem wurde jetzt in der russischen Armee der ganze Stab reorganisiert. Die Stellen Bagrations, der gefallen war, und Barclays, der sich gekränkt zurückgezogen hatte, wurden neu besetzt. Mit größtem Ernst wurde erwogen, was wohl besser sei: A. an die Stelle von B. zu sezten und B. an die Stelle von D., oder umgekehrt D. an die Stelle von A. usw., als ob, außer der[108] Freude für die Herren A. und B., davon irgend etwas abgehangen hätte.

Im Stab der Armee nahm infolge der Feindschaft Kutusows mit seinem Generalstabschef Bennigsen und infolge der Anwesenheit der Vertrauenspersonen des Kaisers und infolge dieses Stellenwechsels das mannigfach verschlungene Intrigenspiel der Parteien noch eifriger seinen Fortgang als vorher: A. suchte die Stellung des B. zu untergraben, D. die des C. usw., in allen möglichen Permutationen und Kombinationen. Bei solchen Versuchen, einander zu schaden, hatten alle diese Intriganten hauptsächlich das Ziel, auf die Kriegführung mehr Einfluß zu gewinnen; aber der Krieg nahm unabhängig von ihnen seinen Gang genau so, wie er gehen mußte, d.h. sein Gang traf nie mit den Klügeleien dieser Menschen zusammen, sondern resultierte aus den faktischen Beziehungen der Massen zueinander. Alle diese ausspintisierten Pläne, die sich kreuzten und wechselseitig verwirrten, stellten in den höchsten Sphären nur einen treuen Reflex dessen dar, was sich vollziehen mußte.

»Fürst Michail Ilarionowitsch!« schrieb der Kaiser unter dem 2. Oktober an Kutusow, der diesen Brief nach der Schlacht bei Tarutino erhielt. »Seit dem 2. September befindet sich Moskau in den Händen der Feinde. Ihre letzten Berichte sind vom 20., und während dieser ganzen Zeit wurde nichts unternommen, um dem Feind Widerstand zu leisten und die altehrwürdige Residenz zu befreien, ja Ihren letzten Berichten zufolge sind Sie sogar noch weiter zurückgewichen. Schon ist Serpuchow von einer feindlichen Abteilung besetzt, und Tula mit seiner berühmten, für die Armee so unentbehrlichen Fabrik ist in Gefahr. Aus den Berichten des Generals Wintzingerode ersehe ich, daß ein feindliches Korps von zehntausend Mann auf der Straße nach Petersburg marschiert. Ein anderes von mehreren tausend Mann rückt gleichfalls[109] nach Dmitrow vor. Ein drittes hat sich auf der Wladimirschen Straße in Bewegung gesetzt. Ein viertes, ziemlich beträchtliches, steht zwischen Rusa und Moschaisk. Napoleon selbst hat sich bis zum 25. noch in Moskau befunden. Da nach allen diesen Nachrichten der Feind seine Kräfte durch starke Abkommandierungen zersplittert hat und Napoleon selbst mit seiner Garde noch in Moskau ist, sollten da wirklich die Ihnen gegenüberstehenden feindlichen Kräfte so beträchtlich sein und Ihnen nicht gestatten, die Offensive zu ergreifen? Mit Wahrscheinlichkeit kann man vielmehr annehmen, daß der Feind Sie mit Abteilungen oder höchstens Korps verfolgt, die weit schwächer sind als die Ihnen anvertraute Armee. Man sollte meinen, unter Benutzung dieser Umstände könnten Sie den Feind, der Ihnen an Kräften nachsteht, vorteilhaft angreifen und ihn entweder vernichten oder wenigstens dadurch, daß Sie ihn zum Rückzug zwingen, einen erheblichen Teil der jetzt vom Feind besetzten Gouvernements wieder in unsern Besitz bringen und gleichzeitig von Tula und unseren übrigen weiter nach dem Innern zu gelegenen Städten die Gefahr abwenden. Sie werden die Verantwortung dafür zu tragen haben, wenn es dem Feind möglich sein sollte, ein beträchtliches Korps in der Richtung nach Petersburg zur Bedrohung dieser Hauptstadt zu detachieren, in welcher nicht viele Truppen zurückbleiben konnten; denn wenn Sie entschlossen und energisch handeln wollen, so besitzen Sie in der Ihnen anvertrauten Armee alle Mittel, um dieses neue Unglück abzuwenden. Vergessen Sie nicht, daß Sie dem tiefgekränkten Vaterland noch für den Verlust Moskaus Rechenschaft schuldig sind. Sie kennen aus Erfahrung meine Bereitwilligkeit, Sie zu belohnen. Diese meine Bereitwilligkeit wird keine Minderung erleiden; aber ich und Rußland sind berechtigt, von Ihrer Seite diejenige Energie und Anstrengung und diejenigen Erfolge zu erwarten, die Ihre[110] hervorragenden geistigen Gaben, Ihre militärischen Talente und die Tapferkeit der von Ihnen geführten Truppen uns verheißen.«

Aus diesem Brief geht hervor, daß ein Reflex des faktischen Kräfteverhältnisses auch schon nach Petersburg gelangt war; aber während dieser Brief unterwegs war, hatte Kutusow die unter seinem Kommando stehende Armee nicht mehr vom Angriff zurückhalten können, und es war bereits eine Schlacht geliefert worden.

Am 2. Oktober hatte ein Kosak namens Schapowalow, der sich auf einem Patrouillenritt befand, mit seinem Gewehr einen Hasen erlegt und einen andern angeschossen. Bei der Verfolgung des angeschossenen Hasen geriet Schapowalow in eine entfernte Partie des Waldes und stieß auf den linken Flügel der Muratschen Armee, die dort ohne alle Vorsichtsmaßregeln lagerte. Der Kosak erzählte nachher lachend seinen Kameraden, daß er beinah den Franzosen in die Hände gefallen sei; ein Kornett, der diese Erzählung mit anhörte, machte dem Kommandeur davon Mitteilung.

Der Kosak wurde herbeigerufen und ausgefragt; die Kosakenkommandeure wollten diese Gelegenheit dazu benutzen, dem Feind Pferde wegzunehmen; aber einer von ihnen, der mit höheren Offizieren bekannt war, teilte die Sache einem General vom Stab mit. In der letzten Zeit war im Stab der Armee die Situation eine höchst gespannte. Jermolow war einige Tage vorher zu Bennigsen gekommen und hatte ihn dringend gebeten, all seinen Einfluß beim Oberkommandierenden aufzubieten, damit endlich ein Angriff gemacht werde.

»Wenn ich Sie nicht kennte«, hatte Bennigsen geantwortet, »so würde ich denken, daß Sie das, um was Sie bitten, in Wirklichkeit gar nicht wünschen. Ich brauche nur zu irgend etwas zu raten, so tut der Durchlauchtige bestimmt das Gegenteil.«[111]

Die Nachricht des Kosaken, die durch ausgesandte Patrouillen bestätigt wurde, bewies endgültig, daß das Ereignis nunmehr reif sei. Die straffgespannte Saite löste sich, das Uhrwerk surrte, das Glockenspiel erklang. Trotz all seiner scheinbaren Amtsgewalt, trotz seines Verstandes, seiner Erfahrung und Menschenkenntnis konnte Kutusow angesichts einer Denkschrift Bennigsens, der auch an den Kaiser persönlich einen Bericht geschickt hatte, und des ihm von den Generalen einmütig ausgesprochenen Wunsches und des von ihm vermuteten Wunsches des Kaisers und der Nachricht des Kosaken die unvermeidlich gewordene Bewegung nicht mehr aufhalten und erteilte den Befehl zu etwas, was er für nutzlos und schädlich hielt – er gab zu der sich vollziehenden Tatsache seinen Segen.

Quelle:
Tolstoj, Lev Nikolaevic: Krieg und Frieden. 4 Bde., Leipzig 1922, Band 4, S. 108-112.
Lizenz:
Kategorien: