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[658] Ein lere, wider die ergernuß, daß es den bösen so wol geht.
1.
Ich denck in meinem gmüt,
wie ich mein zung behüt
vor affterred vnd Sünde:
Ich seh, es wil so sein,
der gotloß fehrt herein,
jm grathen all sein fünde:
Wann ich daran gedenck,
mein hertz ich selber krenck,
daß sie sind so vergessen,
Vor eifer werd entzündt,
iedoch verstummt mein mundt,
mein leyd muß in mich fressen.
2.
Drumb bit ich dich, O HERR,
mich recht erkennen leer
die eitelkeyt meins lebens:
Wir müssen bald dauon,
vnd aller menschen thun
ist nichts vnd alls vergebens.
Was hilffts daß man fast scharrt,
der zeit doch nit erharrt,
daß man sein möcht geniessen,
Mit vnruh samlet schätz
vnd muß sie doch zuletst
hie lassen mit verdriessen.
3.
Mein sünd vergib, O Got,
daß ich nit werd zum spott
vnd mein die feinde lachen.
Ich schweig vnd tröst mich dein,
wils auch gut lassen sein,
ich weyß du wirsts wol machen.
Wend deine plag von mir,
sie schreckt mich al zu sehr,
dein hand kan niemand tragen.
Wem du die Sünd zeygst an
muß wie der schnee zergan,
vor traurigkeyt verzagen.
[658]
4.
Ach, wie gar nichtig sind
auff erd all menschen kind!
drumb wil ich mich bekeren:
Mein schreien, HERR, vernimm,
mein klag vnd weynens stimm
wöllst gnediglich erhören.
Ach, HERR, werff mich nit hin,
ob ich schon elend bin,
dein pilgrim hie auff erden.
Hilff, daß ich werd erquickt
vnd ich nit hingerückt
von dir verstossen werde.
5.
Got schöpffer aller ding,
wie ist so gar gering
der menschen thun auff erden!
Drumb hilff vns auß der not,
daß wir von Sünd vnd todt
alhie errettet werden,
Durch Christum deinen Son,
der gnug für vns hat than:
wann wirs im glauben fassen,
So wil Er vns auch dort
die Himelische pfort
seliglich schawen lassen.
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