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[85] Ein schönes Beispiel, daß obiges wahr,
Bieten Herr und Frau Knopp uns dar.
Hier ruht er mit seiner getreuen Dorette
Vereint auf geräumiger Lagerstätte.
[85] Früh schon erhebt man die Augenlider,
Lächelt sich an und erkennt sich wieder,
Um alsobald mit einem süßen
Langwierigen Kusse sich zu begrüßen.[86]
Knopp aber, wie er gewöhnlich pflegt,
Ist gleich sehr neckisch aufgelegt.
Ganz unvermutet macht er: Kieks!
Hierauf erhebt sich ein lautes Gequieks.
Dorette dagegen weiß auch voll List,
Wo Knopp seine lustige Stelle ist.
Nämlich er hat sie unten am Hals.
Kiewieks! Jetzt meckert er ebenfalls.[87]
Nun freilich möchte sich Knopp erheben
Und schnell vom Lager hinwegbegeben,
Wird aber an seines Kleides Falten
Spiralenförmig zurückgehalten.
Husch, er nicht faul, eh man sich's denkt,
Hat sich nach hinten herumgeschwenkt
Und unter die Decke eingebohrt,
Wo man recht fröhlich herumrumort. –[88]
Nach diesen gar schönen Lustbarkeiten
Wird's Zeit zur Toilette zu schreiten.
Gern wendet Frau Doris anitzo den Blick
Auf Knopp sein Beinbekleidungsstück,
Welches ihr immer besonders gefiel
Durch Ausdruck und wechselndes Mienenspiel.
Bald schaut's so drein mit Grimm und Verdruß,
[89] Bald voller Gram und Bekümmernus.
Bald zeigt dies edle Angesicht
Nur Stolz und kennt keinen Menschen nicht.[90]
Aber bald schwindet der Übermut;
Es zeigt sich von Herzen sanft und gut,
Und endlich nach einer kurzen Zeit
Strahlt es in voller Vergnüglichkeit. –[91]
Dorettens Freude hierüber ist groß.
Knopp aber ist auch nicht freudenlos;
Denn ihm lächelt friedlich und heiter,
Nach unten spitzig, nach oben breiter,
Weißlich blinkend und blendend schön,
Ein hocherfreulidies Phänomen.
Besonders zeigt sich dasselbe beim Sitzen,
In der Mädchensprache nennt man's Blitzen. –
»Madam, es blitzt!« ruft Knopp und lacht.
[92] Schlupp! wird die Sache zugemacht.
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