Winter in Athen

[106] Winter mit den eis'gen Locken

War mir immer sonst so leid,

Denn er hielt mit seinen Flocken

Alle Freuden eingeschneit.


Wenn die Vöglein lustig sangen,

Wenn das Bächlein rauschend zog,

Kam er plötzlich hergegangen

Wie ein mürr'scher Pädagog:


»Vöglein, laßt das dumme Lärmen!

Lüfte, laßt das laue Wehn!

Bächlein, willst du ewig schwärmen?

Besser ist's, fein still zu stehn.


Fort, du ausgelaßne Erde,

Mit dem bunten Narrenkleid!

Daß dein Anblick ehrbar werde,

Halt' ich schon ein Hemd bereit.


Und ihr andern wilden Rangen,

Blumenduft und Sonnenstrahl,

Keiner soll sich unterfangen,

Mir zu stören die Moral.«


Und die Blumen wurden selten,

Bächlein stand, und Vogel schwieg,

Als der Pädagog mit Schelten

Auf den Eiskatheder stieg.


Schadenfroh mit arger Tücke

Schlug er in den lust'gen Wald,

Und es stob aus der Perücke

Ihm ein Schneegewölk alsbald.


Und der Sturm, sein böser Husten,

Ließ sich hören weit und breit,

Und wir armen Menschen wußten

Nichts zu tun in solcher Zeit. -[107]


Doch der Süden, o wie ist er

Doppelt nun mir lieb und wert,

Seit er diesen Erzphilister

Selber zur Vernunft bekehrt!


Nicht mehr in die enge Stube

Schließt mich jetzt der Januar,

Nein, er ward ein toller Bube,

Hat ein Auge groß und klar.


An den Bergeshängen springt er

Lustig hin im grünen Kleid;

In den hohen Lüften singt er,

Blumen streut er weit und breit.


Kommt einmal Gewölk gezogen,

Wurmt ihn gleich der dunkle Tand,

Und den bunten Regenbogen

Spannt er drauf mit leichter Hand.


Gänzlich hat er auch vergessen

Pädagogik und Moral,

Unter Palmen und Zypressen

Sonnt er müßig sich im Strahl.


Manchmal nur in seltnen Zungen

Schwatzt er von der Freude Macht,

Und von seinem Hauch durchdrungen

Hab' ich dieses Lied erdacht.

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 1, Leipzig und Wien 1918, S. 106-108.
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