Am dritten September

[249] 1870.


Nun laßt die Glocken

Von Turm zu Turm

Durchs Land frohlocken

Im Jubelsturm!

Des Flammenstoßes

Geleucht facht an!

Der Herr hat Großes

An uns getan.

Ehre sei Gott in der Höhe!


Es zog von Westen

Der Unhold aus,

Sein Reich zu festen

In Blut und Graus;

Mit allen Mächten

Der Höll' im Bund

Die Welt zu knechten,

Das schwur sein Mund.

Furchtbar dräute der Erbfeind.


Vom Rhein gefahren

Kam fromm und stark

Mit Deutschlands Scharen

Der Held der Mark.

Die Banner flogen,

Und über ihm

In Wolken zogen

Die Cherubim.

Ehre sei Gott in der Höhe!


Drei Tage brüllte

Die Völkerschlacht,

Ihr Blutrauch hüllte

Die Sonn' in Nacht.[249]

Drei Tage rauschte

Der Würfel Fall,

Und bangend lauschte

Der Erdenball.

Furchtbar dräute der Erbfeind.


Da hub die Wage

Des Weltgerichts

Am dritten Tage

Der Herr des Lichts

Und warf den Drachen

Vom güldnen Stuhl

Mit Donnerkrachen

Hinab zum Pfuhl.

Ehre sei Gott in der Höhe!


Nun bebt vor Gottes

Und Deutschlands Schwert

Die Stadt des Spottes,

Der Blutschuld Herd.

Ihr Blendwerk lodert

Wie bald! zu Staub,

Und heimgefodert

Wird all ihr Raub.

Nimmermehr dräut uns der Erbfeind.


Drum laßt die Glocken

Von Turm zu Turm

Durchs Land frohlocken

Im Jubelsturm!

Des Flammenstoßes

Geleucht facht an!

Der Herr hat Großes

An uns getan.

Ehre sei Gott in der Höhe!

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 2, Leipzig und Wien 1918, S. 249-250.
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