[82] Der Eremit. Agathe mit einem Milchkruge. Ännchen trägt ihr ein Körbchen nach und gibt es ihr beim Auftreten.
AGATHE zu Ännchen. Hab' Dank!
Ännchen ab.
EREMIT. Sei mir gesegnet, meine Tochter! Du bliebst lange aus –
AGATHE. Ihr seid doch wohl, ehrwürdiger Vater? Ich wär' schon gestern oder vorgestern gekommen; aber dieses Obst, das ich für Euch aufbewahrt hatte, wollte nicht früher reifen. Da nehmt es und dies Brot und dies Krüglein Milch. Andere Labung darf ich Euch ja nicht bringen.
EREMIT. Die Früchte sind auserlesen. Du sorgst für mich wie eine Tochter.
AGATHE. Ich liebe Euch nach meinem Vater am meisten.
EREMIT. Wär' das wahr, was würde dein Max dazu sagen?
AGATHE. Ei – das ist etwas andres – ich sprach von kindlicher Liebe. Ihr scherzt mit mir; Ihr seid ungewöhnlich heiter.
EREMIT für sich. Wie sehr irrt sie! – Laut. Dein Max ist doch wohl?
AGATHE. Vollkommen – nur daß ihm vor dem Probeschusse bange ist, den er morgen ablegen soll.[82]
EREMIT. Ich habe davon gehört. Hast du keine trübe Ahnung?
AGATHE. Zuzeiten wohl – wenn mich Max so schwermütig ansieht!
EREMIT. Es tut meinem Herzen weh, deine Heiterkeit auch nur auf Augenblicke zu verscheuchen. Dennoch kann ich dir nicht verhehlen –
AGATHE. O sprecht, ehrwürdiger Vater! Was von Euch kommt, wird stets zu meinem Heil dienen.
EREMIT. Ich kenne die eigentliche Gefahr nicht, die dir und deinem Verlobten droht; doch hat mich ein Gesicht besorgt gemacht.
AGATHE ängstlich. Was erschien Euch?
EREMIT. Gesichte deuten gewöhnlich die Zukunft nur in ungewissem Halbdunkel an; auch das meinige war dieser Art. Doch fühle ich mein Herz, wenn ich dich ansehe, beklommen.
AGATHE. So laßt mein und Maxens Glück doppelt Eurem frommen Gebete empfohlen sein. Nicht wahr, Ihr erfüllt diesen Wunsch?
EREMIT. Ich bin nur ein schwacher Mensch, aber meiner Fürbitte könnt ihr gewiß sein.
AGATHE. So bin ich voll Hoffnung –
EREMIT. Bewahre treu die Reinheit deines Herzens, so wird der Allmächtige dich bewahren!
AGATHE. Lebt denn wohl, ehrwürdiger Vater! und vergeßt unserer nicht in Eurer Andacht.
EREMIT. Gott mit dir, meine Tochter! Agathe geht ab. Er ruft ihr nach. Agathe!
AGATHE. Habt Ihr mir noch etwas zu sagen?
EREMIT. Eine innre Stimme ruft mir zu, dich heute nicht ohne Gegengabe zu entlassen. Dieser Rosenstock, dessen erstes Reislein meinem Vorgänger ein Pilger aus Palästina mitbrachte, ist wunderlieblich emporgewachsen. Jeden Frühling blüht er aufs reichste; ich sammle und presse die Blätter, und die Landleute schreiben dem Rosenwasser wunderbare Schutz- und Heilkräfte zu. Nimm denn einige dieser Rosen als Brautgeschenk meiner väterlichen Liebe! Er bricht Rosen ab, fügt sie in einem Strauß zusammen und übergibt sie ihr am Schlusse des folgenden Zweigesangs.[83]
EREMIT.
Nimm hin des Freundes Gabe,
Geweihet, keusch und rein!
AGATHE.
Vor aller meiner Habe
Soll sie mir teuer sein!
EREMIT.
Wird sich die Blüte senken,
Sollst du dabei gedenken:
Was irdisch ist, vergeht!
AGATHE.
Ich will der Blätter wahren,
Daß noch in späten Jahren
Erinn'rung mich umweht!
EREMIT.
Auch sollst du nicht vergessen:
Man muß die Rose pressen,
Eh' Heilung sie gewährt –
AGATHE.
So wird zu reinern Freuden
Das Menschenherz durch Leiden
Geläutert und geklärt!
EREMIT.
Nimm hin des Freundes Gabe,
Geweihet, keusch und rein!
AGATHE.
Vor aller meiner Habe
Soll sie mir teuer sein!
Der Eremit in die Eremitenwohnung, Agathe durchs Gebüsch ab.[84]
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