XVIII

Das Flecken-Kapitel

[667] 235

Verwelktem Blatte gleichst du heute,

Des Todes Diener harren deines Kommens schon,

Du stehst am Rande deines Lebens,

Für Reisezehrung aber hast du nicht gesorgt.


236

Erglühe selbst als eigne Leuchte,

Entbrenne eilig, werde weisheitfroh,

Von allem Unreinen geläutert

Enteilest du ins Reich der Heiligen.


237

Zu Jahren bist du nun gekommen,

Bist nun dem Tode nah und näher,

Kein weitrer Aufenthalt wird dir nunmehr zuteil,

Für Reisezehrung aber hast du nicht gesorgt.


238

Erglühe selbst als eigne Leuchte,

Entbrenne eilig, werde weisheitfroh,

Von allem Unreinen geläutert

Wirst nimmer du Geburt und Alter schaun.


239

Der Weise treibe nach und nach,

Allmählich und zur rechten Zeit,

Geschicktem Silberschmiede gleich,

Des eignen Herzens Flecken aus.


[668] 240

Wo auf dem Eisen sich der Rost erhebt,

Zerfrißt von dort er weiter das Metall:

So auch erfährt durch eigne Taten

Der Übermütige Verderbens Unheil.


241

Nichtübung ist des Spruches Fluch,

Des Hauses Fluch Bequemlichkeit,

Die Eitelkeit der Schönheit Fluch,

Und Trägheit Fluch dem Wachsamen.


242

Besudelt ist ein schamlos Weib,

Besudelt, wer aus Absicht gibt,

Besudelt jede böse Tat

In diesem und in jenem Sein;


243

Doch schlimmere Besudelung,

Ja, allerschlimmste gibt es noch:

Verblendung ist das tiefste Schwarz!

Von diesem Makel reinigt euch

Und werdet, Jünger, fleckenlos.


244

Der Unverschämte, Listige,

Der Streitbold, Schreier, Bramarbas,

Der Krähenfreche, Dummdreiste,

Der lebt gar leicht in seinem Schmutz;


245

Doch schwer lebt, wer bescheiden ist,

Wer stets dem Reinen zugetan,

Wer frei von Schmutz und Übermut

Einsichtig lautres Leben führt.


246

Wer Lebewesen niederschlägt,

Wer Lug und Trug beharrlich treibt,

Wer nimmt, was ihm nicht angehört,

Wer seines Nächsten Weib verführt,


[669] 247

Wer Rausch begehrend trinkt und trinkt

Und sich der Schlemmerei ergibt:

Der gräbt hier in der Welt sich selbst

Durch solches Tun die Wurzeln aus.


248

Dies wisse nur, o Menschensohn:

Verderblich ist der leichte Sinn!

Auf daß nicht Gier und blinder Wahn

Dich lange ketten an das Leid.


249

Almosenspeise gibt das Volk

Je nach Belieben, gut und schlecht:

Der Mönch, der neidisch mißgestimmt

Auf andrer Speis' und Trank hinblickt,

Dem wird bei Tag nicht, nicht bei Nacht

Zuteil der Selbstvertiefung Glück;


250

Wer aber alle Gier vertilgt,

Mit Stumpf und Stiel vernichtet hat,

Dem wird bei Tag, dem wird bei Nacht

Zuteil der Selbstvertiefung Glück.


251

Kein Feuer brennt wie Lustbegier,

Kein Fallstrick hält so fest wie Haß,

Kein Netz verstrickt wie Unverstand,

Kein Fluß rast wie der Durst dahin.


252

Des Nächsten Fehler sieht man leicht,

Die eigenen jedoch gar schwer;

Die Schwächen andrer deckt man auf

So viel als möglich, recht mit Lust,

Behutsam birgt man eigene,

Wie Würfelspieler ihre List.


[670] 253

Wer auf der andern Schwächen blickt

Und immer nur auf Tadel sinnt,

Des Willenswahn nimmt zu und zu,

Fern ist der Willenswendung er.


254

Im Luftraum bleibet keine Spur,

Das Äußre heiligt keinen Mönch,

Die Menschheit lacht in Wahnes Lust,

Vollendete sind frei von Wahn.


255

Im Luftraum bleibet keine Spur,

Das Äußre heiligt keinen Mönch,

Das Dasein währt nicht ewiglich,

Die Auferwachten wanken nicht.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 667-671.
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