[334] O Deutschland, mein Deutschland,
Was hast du erlebt!
Dein Himmel brach nieder,
Dein Boden erbebt.
Auf tönernen Füßen
Zerschellte dein Thron,
Die Flammen des Aufruhrs,
Sie flackern, sie lohn.
Dein Volk ist zerfallen
In feindlichem Zwist,
Die Brüder sich morden
Voll Wut und voll List.
[334]
Feig schleicht die Verleumdung,
Frech züngelt Verrat,
Der Satan der Zwietracht
Sät giftige Saat.
Es meuchelt die Kugel
Aus rasender Hand,
Die Räuber und Plündrer
Sind Herren im Land.
Die heiligen Grüfte
Unsterblicher Zeit,
Sie werden geschändet
Und schamlos entweiht.
An goldenen Kränzen
Vergreift sich die Gier,
Im Schlamme will schwelgen
Das trunkene Tier.
Ergaunerte Güter
Schiebt strotzend die Flut,
Ein prassender Pöbel
Beschmutzt, was er tut.
Was mühsam erworben,
Entwertet der Kauf,
Das Brot des Gerechten,
Der Wucher frißt's auf.
[335]
Den schaffenden Geistern
Verscharrt ist der Hort,
Die Not und die Sorgen
Ersticken ihr Wort.
Rachsüchtiger Friede
Zerrüttet das Reich,
Es saugen die Sieger
Dem Schemen dich gleich ...
Und dennoch, o Deutschland,
Kein Elend verschlingt,
Kein Frevel ein Lichtvolk,
Das frei sich bezwingt.
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Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.
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