Abendpromenade

[146] Das war ein langer Weg mit jungen Bäumen,

unweit des Hauses, den wir jenen Abend

so unermüdlich auf und nieder gingen,

so zärtlich Arm in Arm; ich weiß noch, wie du

den deinen unter meinen Mantel schmiegtest,

daß dir sein Flügel halb die Schulter hüllte.

Was schwatzten wir nicht alles da! Du klagtest

von Sorgen, die zu früh dir zugemessen,

ich kam dir philosophisch, treu dich lehrend,

was grade mir an Weisheit aufgegangen;

dazwischen wehten milde Abendwinde,

und unten lag der See in mattem Glanze.

Und weißt du auch noch, wie ein altes Weibchen

uns lächelnd als ein junges Brautpaar grüßte

und wir ihm fromm doch fruchtlos widersprachen?

Ach, Herz, wenn ich an diesen Abend denke

und an den kleinen Weg mit jungen Bäumen,

dann möcht ich jeden Lufthauch für dich bitten,

er mög dir all des Glückes Träger werden,

das ich dir wünsche, Tapfre, Liebe, Gute!

Quelle:
Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. Abteilung 1, Band 3, Basel 1971–1973, S. 146-147.
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