Kappadokĭen

[601] Kappadokĭen (altpers. Katpa-tuka, d. h. Land der Tucha), im Altertum eine Landschaft Kleinasiens, umfaßte zur Zeit der Perserherrschaft das Gebiet vom [601] Salzsee Tatta im W. bis zum Euphrat im O. und vom Taurusgebirge im S. erst bis aus Schwarze Meer, später nur bis an den mittlern Halys (Kyzyl Irmak). Hier erhebt sich der Argäos, die größte Gipfelhöhe Kleinasiens, zu 3960 m. Das Land brachte Weizen und Wein reichlich hervor; die Stutereien waren berühmt wegen ihrer schönen, leichten Pferde, die wie bei den Perserkönigen, so später im Zirkus von Byzanz sehr geschätzt waren. Die Assyrer machten schon unter Tiglatpilesar I. (1120–1100) in K. Eroberungen. In der Perserzeit zerfiel es in zwei Satrapien, aus denen in der Diadochenzeit Königreiche wurden: Groß- (Cappadocia ad Taurum) und Kleinkappadokien (C. ad Pontum, das nachherige Reich Pontos). Die Bewohner des am Pontus Euxinus gelegenen Teils, mit assyrischen Kolonisten gemischt, hießen bei den Griechen Leykosyrer (»weiße Syrer«) wegen ihrer hellern Hautfarbe; die des Innern waren die eigentlichen Kappadokier, ein Volk arischer Abkunft, tapfer und mutig, aber auch verschlagen. Tiberius schlug 17 n. Chr. das eigentliche K. als Provinz zum römischen Reich (s. Karte »Römisches Weltreich«). – Eine selbständige Rolle spielte K., das im übrigen die Geschicke Kleinasiens teilte, erst unter der Dynastie Dānischmend. Kurz nach 1086 eroberte Ahmed Gumuschtegin, der Sohn des Turkmenen al-Dānischmend (= Schulmeister) Tailu, von Malatia und namentlich von Siwar (griech. Sebaste) aus, Hochkappadokien und das benachbarte Kleinasien bis Kastamuni; er starb 1104, nachdem er im Sommer 1100 den Fürsten Bohemund I. von Antiochia bei der Belagerung Malatias gefangen und erst nach drei Jahren gegen 100,000 Goldstücke freigegeben hatte. Sein Sohn Mohammed Abu' l-mozaffar Malik Ghazi hatte nach anfänglicher Freundschaft mit den westlichen Seldschuken von Ikonion (s. Konia) viel von deren Sultan Kilidsch Arslan (s. d.) zu erdulden, der ihm 1106 sogar Malatia wegnahm. Aber als dieser 1107 vor Mossul gescheitert war, lebte die Dynastie Dānischmend wieder auf; im Februar 1130 gelang es Ghazi sogar, Bohemund II. von Antiochia in Kilikien entscheidend zu schlagen. Doch 1142/43 ging Malatia endgültig an die Seldschuken verloren; Jāgy Bassan (Yagupasan) Abu 'l-mozaffar, der Bruder und seit eben jener Zeit Nachfolger Mohammeds, wurde trotz seiner Verheiratung mit einer Tochter des Seldschuken Masud von Ikonion (1127–56) nur in einem Reste des ehemaligen Reichs anerkannt, da außerdem in Kaisarî und Siwas du'l-Nūn (Danunes), der älteste Sohn Mohammeds, herrschte (bis 1174). Dem Jagy Bassan folgten 1165 sein Sohn Abu Mohammed Dschemal Ghazi (gest. 1167) und Ibrahim (gest. 1169), der zweite Sohn Mohammeds, mit seinem Sohne Abu 'l-Kadir Ismail (ebenfalls 1169 gestorben). 1174 fiel der letzte Sproß der Dynastie Dānischmend, Ismail, der Sohn du 'l-Nūns, dem erneuten Ansturme des Seldschuken Kilidsch Arslan II. zum Opfer, und K. bildete fortan einen Teil des Sultanats Ikonion. Nur der Zwiespalt der Byzantiner und der fränkischen Kreuzfahrer hatte die rechtzeitige Zerstörung dieses vorgeschobenen Postens des Islams verhindert; von hier aus haben die osmanischen Türken Kleinasien und Konstantinopel erobert. – Für die Aufhellung der Frühgeschichte Kappadokiens ist neuerdings (1901) vor allem Waldemar Belck tätig gewesen. Vgl. E. Chantre, Missionen Cappadoce, 1893–1894 (Par. 1898).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 601-602.
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