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[282] Es ist ein Brauch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör!
»Nein!« – ruft Helene – »Aber nun
Will ich's auch ganz – und ganz – und ganz –
und ganz gewiß nicht wieder tun!«
[282] Sie kniet von ferne fromm und frisch.
Die Flasche stehet auf dem Tisch.
Es läßt sich knien auch ohne Pult.
Die Flasche wartet mit Geduld.
Man liest nicht gerne weit vom Licht.
Die Flasche glänzt und rührt sich nicht.
[283]
Oft liest man mehr als wie genug.
Die Flasche ist kein Liederbuch.
Gefährlich ist des Freundes Nähe.
O Lene, Lene! Wehe, Wehe!
[284]
O sieh! – Im sel'gen Nachtgewande
Erscheint die jüngstverstorb'ne Tante.
[285]
Mit geisterhaftem Schmerzgetöne –
»Helene!« – ruft sie – »Oh, Helene!!!«
Umsonst! – Es fällt die Lampe um,
Gefüllt mit dem Petroleum.
[286]
Und hilflos und mit Angstgewimmer
Verkohlt dies fromme Frauenzimmer.
Hier sieht man ihre Trümmer rauchen.
Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.[287]
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Die Fromme Helene
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